Von Arbeit bis Rente
35 Jahre vereinigtes Deutschland: Die größten Unterschiede zwischen Ost und West
Der Tag der Deutschen Einheit jährt sich zum 35. Mal. Die Bilanz: Gemischt. Denn Ost und West trennen vor allem bei der politischen Meinung mehr, als es eint.
Berlin – Am Freitag (3. Oktober) feiern die Deutschen zum 35. Mal die Wiedervereinigung. Doch während 1990 noch Raketen in den Berliner Nachthimmel schossen und die Menschen das Ende von mehr als 40 Jahren deutscher Teilung bejubelten, ist nach drei Jahrzehnten Resignation die Feierlaune gewichen. Denn zum Jubiläum zeigt sich: Deutschland ist in vielen Punkten immer noch geteilt.
Zwar belegt eine Civey-Umfrage des Tagesspiegel für die über 10.000 Menschen bundesweit online befragt wurden zum Tag der Deutschen Einheit, dass Ost- und Westdeutsche gleichermaßen mit ihren persönlichen Lebensverhältnissen zufrieden sind – 58 Prozent im Osten und 60 Prozent im Westen – abseits des allgemeinen Stimmungsbilds zeigen sich aber tiefe Risse.
Löhne und Vermögen: Wirtschaftliches Gefälle zwischen Ost und West besonders gravierend
Das wirtschaftliche Gefälle ist nach wie vor gravierend. Das Lohngefälle beträgt weiterhin 17,4 Prozent: Vollzeitbeschäftigte in Westdeutschland verdienten 2024 durchschnittlich 4810 Euro brutto, in Ostdeutschland nur 3973 Euro, geht aus einer aktuellen Auswertung der Hans-Böckler-Stiftung hervor. Allerdings ist die Lohnlücke zwischen West und Ost zwischen 2014 und 2024 um sieben Prozent von 24,4 Prozent auf 17,4 Prozent geschrumpft. Wobei der Mindestlohn den Beschäftigten in Ostdeutschland besonders geholfen hat.
Noch dramatischer ist die Vermögenslücke: Die Vermögen der ostdeutschen Haushalte betragen weniger als die Hälfte des westdeutschen Durchschnitts, so der Tagesspiegel. Der ostdeutsche Soziologe Steffen Mau, Autor des Buchs „Ungleich vereint“, erinnert im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur daran, dass die Lebensverhältnisse weiter ungleich seien. „In Ostdeutschland ist zum Beispiel der Niedriglohnsektor besonders groß und die Vermögen sind so schief verteilt, dass im Osten nur ein Bruchteil der Erbschaftssteuer anfällt“, sagt Mau.
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Die Rente: Angleichung in West und Ost nach über 30 Jahren gelungen
Bei den Renten zeigt sich eine positive Entwicklung: Seit Juli 2023 werden Renten in Ost und West nach dem gleichen aktuellen Rentenwert berechnet. Das Ergebnis überrascht: Die Menschen, die 2024 in Rente gingen, hatten sich im Osten im Schnitt mehr Rente erarbeitet als im Westen – wenn auch nur noch rund 70 Euro mehr, berichtet der Stern. Den Unterschied machen die Frauen.
Die Renten der Frauen sind im Osten viel höher als im Westen, da zu DDR-Zeiten die Kinderbetreuung umfassender war und die Erwartung an Frauen, erwerbstätig zu sein, größer. Allerdings profitieren nicht alle Ostdeutschen: „Insgesamt scheinen die Beschäftigten mehrheitlich nicht von der Rentenangleichung zu profitieren, da sie mit niedrigeren Altersrentenanwartschaften rechnen müssen“, warnt das wirtschaftliche und sozialwissenschaftliche Institut (WSI)
Arbeitslosigkeit und Stundenlöhne: Erfolgreiche Annäherung trotz demografischen Wandel
Auch bei der Arbeitslosigkeit hat sich eine bemerkenswerte Annäherung vollzogen. Laut dem Ifo-Institut hat sich die Erwerbsbeteiligung zwischen Ost- und Westdeutschland angeglichen. Dennoch ist das Arbeitsangebot in den ostdeutschen Bundesländern rückläufig, da die erwerbsfähige Bevölkerung aufgrund demografischer Veränderungen abnimmt.
Während die Stundenlöhne in Ostdeutschland durchschnittlich zwölf Prozent unter dem Westniveau liegen – in ländlichen Gebieten sogar 17 Prozent –, schrumpft dieser Abstand erheblich, wenn man die Lebenshaltungskosten berücksichtigt. Dank niedrigerer Verbraucherpreise erreicht die Kaufkraft ostdeutscher Löhne über 90 Prozent des westdeutschen Niveaus. Einige ostdeutsche Flächenländer übertreffen beim realen Pro-Kopf-Einkommen sogar wirtschaftsschwächere Regionen im Westen.
Politische Unzufriedenheit: Im Osten steht die Demokratie „auf der Kippe“
Besonders beunruhigend ist die politische Entwicklung. Während 86 Prozent der Westdeutschen die Demokratie für die beste Staatsform halten, sind es im Osten nur 73 Prozent, belegt der Tagesspiegel mit seiner Online-Umfrage. Die AfD erreicht in Sachsen-Anhalt 39 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern 38 Prozent – deutlich höhere Werte als in westdeutschen Bundesländern. Soziologe Mau warnt: Die Gesellschaft im Osten werde „infiltriert“ und die Demokratie stehe auf der Kippe.
Ein weiterer Konfliktpunkt ist die politische Repräsentation. 76 Prozent der Ostdeutschen sehen ihre Region nicht gut in der Bundespolitik vertreten, im Westen sind es nur gut die Hälfte, berichtet der Tagesspiegel. Fast drei Viertel der Ostdeutschen halten es für wichtig, dass entscheidende Positionen in der Politik gleichermaßen von Menschen aus Ost und West besetzt werden – im Westen sehen das nur 32 Prozent so. Die Realität bestätigt diese Wahrnehmung: Unter den 17 Ministern und dem Kanzler Friedrich Merz (CDU) sind nur zwei in Ostdeutschland geboren.
Mauerfall und Wiedervereinigung: Die wichtigsten Fakten im Überblick
| Mauerfall | 9. November 1989 |
|---|---|
| Wiedervereinigung | 3. Oktober 1990 |
| Bürger in der ehemaligen DDR | 16,4 Millionen Einwohner |
| Bürger in der BRD vor dem Mauerfall | ca. 62 Millionen Einwohner |
| Bundesländer der ehemaligen DDR | Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen |
| Bundesländer der BRD vor dem Mauerfall | Baden-Württemberg, Bayern, Bremen, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Schleswig-Holstein und West-Berlin |
Soziologe zieht Fazit zu 35 Jahre Wiedervereinigung: „Es ist nicht so, dass man die DDR zurückhaben will“
Das klingt zwar alles ernüchternd, aber es gibt auch die andere Sicht. Soziologe Mau erinnert daran: „Es ist eben nicht so wie in Spanien mit Katalonien oder in Großbritannien mit Schottland: Hier gibt es keine Sezessionsbewegungen, es ist nicht so, dass man die DDR zurückhaben oder sich abspalten will.“ Aber eine gewisse Zwiespältigkeit zur Wiedervereinigung ist auch nach 35 Jahren geblieben.
Der frühere thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) thematisiert den Mauerfall und seine Folgen im Buch „Die neue Mauer“ mit dem ostdeutschen Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk. Darin heißt es: „Viele im Westen ahnen gar nicht, wie tief der Hass in weiten Kreisen des Ostens auf den Westen ist.“
Der thüringische Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) hält nach eigenen Worten überhaupt nichts von der These einer angeblich wachsenden Spaltung. „Unser Land ist stark, wenn man sich auf Zuversicht und Zusammenhalt konzentriert“, sagt Voigt der dpa. Die einst von Kanzler Helmut Kohl angekündigten „blühenden Landschaften“ gebe es tatsächlich: Ostdeutschland sei Innovationsstandort. (Quellen: dpa, Tagesspiegel, Stern, WSI, Ifo-Institut) (bg)
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