„Existentielles Risiko“

Ungarn-Wahl 2026: Orbán zittert – droht jetzt eine Manipulation der Ergebnisse?

Putin-Freund Viktor Orbán muss laut Umfragen bei der Ungarn-Wahl 2026 zittern: Droht eine Manipulation der Ergebnisse? Die Grünen warnen. Zu Recht?

Er gilt als Europas bekanntester Autokrat, als enger Verbündeter von Russlands Präsidenten Wladimir Putin und als unbequemer Störenfried in der EU: Viktor Orbán. Er regiert Ungarn seit 16 Jahren mit harter Hand. Doch an diesem Sonntag (12. April) könnte damit Schluss sein – erstmals steht der Ministerpräsident mit seiner Regierungspartei Fidesz vor einer echten Abwahl. Sein Herausforderer Peter Magyar (Tisza) führt in einem Großteil der aktuellen Umfragen. Europa schaut deswegen gespannt nach Budapest: Eine Ablösung Orbáns würde nicht nur Ungarn verändern, sondern auch die EU – in ihrer Sicherheitspolitik, ihrem Umgang mit Russland und ihrem inneren Zusammenhalt.

Muss um seine Wiederwahl in Ungarn zittern: Ministerpräsident Viktor Orban.

Doch die Hoffnung auf einen Wandel wird überschattet von wachsender Sorge: Russland soll den Wahlkampf aktiv beeinflusst haben, auch die USA mischen mit – und die Bundesregierung? Die hat entsprechende Berichte bislang lediglich „zur Kenntnis“ genommen. Droht am Ende sogar eine Manipulation der Ergebnisse bei der Ungarn-Wahl 2026? Während die Grünen warnen, beschwichtigen andere Experten. Orban selber kündigte am Sonntag (12. April) an, die Wahlergebnisse der Parlamentswahl anerkennen zu wollen.

Ungarn-Wahl 2026: Orban muss zittern – droht eine Manipulation der Ergebnisse?

Anton Hofreiter, Vorsitzender des Europaausschusses im Bundestag, erhob im Vorfeld der Ungarn-Wahl trotzdem schwere Vorwürfe gegen die EU-Kommission und die Bundesregierung. Beide Institutionen hätten dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán „viel zu lange sein Autokraten-Dasein durchgehen lassen“, sagte Hofreiter der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Anlass ist die wachsende Sorge vor einer Einflussnahme auf die Ergebnisse der Wahlen in Ungarn – von russischer und amerikanischer Seite.

Dass diese Sorge eine konkrete Grundlage hat, belegt ein Schreiben des Auswärtigen Amts, das dem Spiegel vorliegt. Darin antwortet Außenstaatssekretär Géza von Geyr auf eine Anfrage des Grünen-Bundestagsabgeordneten Julian Joswig. Die Bundesregierung habe entsprechende Medienberichte über russische Wahlkampfeinmischung lediglich „zur Kenntnis“ genommen. Auch der OSZE-Zwischenbericht des Büros für Demokratische Institutionen und Menschenrechte (ODIHR) vom 27. März 2026 werde nur zitiert: Darin werde „ausländische Einflussnahme als einer der zentralen Aspekte im Wahlkampf genannt“, so das Auswärtige Amt.

Putins Verbündete: Diese Länder stehen im Ukraine-Krieg an der Seite Russlands

Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Treffen der Gemeinschaft unabhängiger Staaten
Alexander Lukaschenko und Wladimir Putin
Kim Jong-un und Wladimir Putin
russischer Soldat, der eine Gruppe nordkoreanischer Kameraden einweist
Putins Verbündete: Diese Länder stehen im Ukraine-Krieg an der Seite Russlands

Tatsächlich wurde der Wahlkampf zur Ungarn-Wahl 2026 von vielen Schmutzkampagnen überschattet. Die Einmischung des Kremls geht laut einem Bericht der Washington Post dabei weit über Social-Media-Kampagnen hinaus. Ein vom europäischen Geheimdienst authentifizierter Bericht soll belegen, dass russische Agenten KI-gestützte Fake-Videos zur Diskreditierung von Tisza-Kandidaten erstellten – und sogar die „Inszenierung eines Attentats auf Viktor Orbán“ erwogen, um den Wahlkampf emotional zu kippen.

Kremlsprecher Peskow wies die Berichte als „Desinformation“ zurück. András Telkés, ehemaliger stellvertretender Chef des ungarischen Auslandsgeheimdienstes, sieht das anders: „Die Russen werden alles tun, um Orbán an der Macht zu halten.“ Dass Moskau dabei auf direkte Kanäle nach Brüssel zurückgreifen konnte, macht die Sache noch brisanter: Außenminister Szijjártó soll bei EU-Treffen regelmäßig mit Lawrow telefoniert und ihn live informiert haben – „Moskau hat im Grunde jahrelang bei jedem einzelnen EU-Treffen mit am Tisch gesessen“, so ein europäischer Sicherheitsbeamter gegenüber der US-Zeitung.

Parlamentswahl in Ungarn: Grünen-Politiker Hofreiter warnt vor russischem Einfluss

Auch vor diesem Hintergrund zeichnet Grünen-Europapolitiker Hofreiter ein düsteres Bild der Interessenlage Orbáns bei der Parlamentswahl in Ungarn: „Orbán hat kein Interesse an sicheren und freien Wahlen. Eine Wahl, aus der er nicht siegreich hervorgeht, ist für ihn ein existenzielles Risiko.“ Der Kreml habe den ungarischen Wahlkampf zu seinem „Spielfeld“ gemacht. Orbán habe das Einmischungsangebot Putins „dankend angenommen“ und die russische Führung im Gegenzug „regelmäßig mit sensiblen Informationen aus EU-Treffen belohnt.“

Neben Russland sieht Hofreiter auch Washington als Akteur: „Die Einmischungsversuche von JD Vance haben gezeigt, dass auch die USA ihre anti-europäischen Interessen in Ungarn verfolgen.“ Tatsächlich trat Vance kurz vor der Wahl gemeinsam mit Orbán in Budapest auf und erklärte, es gehe um die Zukunft der westlichen Zivilisation – US-Präsident Donald Trump schaltete sich per Handy dazu und rief: „Ich liebe Ungarn, und ich liebe Viktor.“

Russische Wahlbeobachterin löst Angst vor Wahlbetrug bei Ungarn-Wahl aus

Die Zweifel an der Neutralität der Wahlbeobachtungsmission selbst befeuern die Debatte zusätzlich. Laut Spiegel ist eine Wahlbeobachterin der OSZE-Parlamentarischen Versammlung, Daria Bojarskaja, eine ehemalige Dolmetscherin Putins. EU-Parlamentarier forderten ihren Abzug aus der Mission. Der Präsident der Parlamentarischen Versammlung, Pere Joan Pons Sampietro, wies die Vorwürfe jedoch zurück – er habe „volles Vertrauen in das Personal.“ Joswig, der die Wahl für den Europarat beobachtet, ist skeptisch: „Offenbar schleuse der Kreml eigene Leute in die OSZE – also in die Organisation, die die Wahl überwachen soll.“ Da die OSZE sich nach Einschätzung der Europarat-Beobachter uneinsichtig zeigt, diskutieren diese derzeit, ob sie überhaupt gemeinsame Statements zum Ablauf der Wahl veröffentlichen.

Joswig kritisierte die Bundesregierung in dem Bericht für ihre Untätigkeit scharf. „Das Problem ist erkannt“, sagte er. Aber „statt sich auf mögliche Szenarien vorzubereiten – etwa darauf, was passiert, wenn die Wahl manipuliert wird –, tut die Bundesregierung nichts.“ Sie setze auf das „Prinzip Hoffnung.“ Hofreiter formuliert es grundsätzlicher: „Ob Wahlfälschung oder eine Hängepartie in Folge uneindeutiger Mehrheitsverhältnisse – das alles sind Szenarien, auf die sich die EU-Kommission und die Bundesregierung vorbereiten müssen.“

Orban gegen Magyar – dieses Ergebnis sagen die aktuellen Umfragen zur Ungarn-Wahl voraus

Die letzten Umfragen vor der Wahl zeigen Orbán unter erheblichem Druck. Das ungarische Meinungsforschungsinstitut Médian, das Orbáns Erdrutschsieg vor vier Jahren korrekt vorhergesagt hatte, sieht die Oppositionspartei Tisza unter Herausforderer Péter Magyar bei 138 bis 142 der insgesamt 199 Parlamentssitze – und damit deutlich über der für eine Zweidrittelmehrheit erforderlichen Schwelle von 133 Mandaten. Fidesz käme demnach nur auf 49 bis 55 Sitze. Das Aggregationsportal Politpro.eu, das verschiedene Umfragen bündelt, bestätigt das Bild: Tisza liegt bei 48,7 Prozent, Fidesz bei 40,8 Prozent. Das trump-nahe Institut McLaughlin & Associates hingegen sieht Fidesz mit 42,6 Prozent knapp vor Tisza mit 37,3 Prozent.

Die Umfragelage ist damit uneinheitlich – mehrere Institute stehen in der Kritik, parteinah finanziert zu werden. Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Die Umfragen erfassen ausschließlich Parteipräferenzen und beziehen keine Prognosen zu den 106 Direktkandidaten der Einzelwahlkreise ein. Orbán selbst reagierte auf die schlechten Werte mit einer Offensive auf Facebook, warf der Opposition vor, „vor nichts zurückzuschrecken, um die Macht zu ergreifen“, und sprach von „frei erfundenen Vorwürfen des Wahlbetrugs“. Magyar konterte, Fidesz begehe „seit Monaten Wahlbetrug und kriminelle Handlungen“ – und kündigte an: „Tisza wird diese Wahl gewinnen.“

Am Sonntag zeigte sich Viktor Orbán bei der Stimmabgabe zur Parlamentswahl in Ungarn kämpferisch – signalisierte aber zugleich Bereitschaft, eine mögliche Niederlage zu akzeptieren. „Ich bin hier, um zu gewinnen“, sagte Orbán nach der Stimmabgabe in einem Budapester Wahllokal laut dem Spiegel. Gleichzeitig betonte er: „Die Entscheidung des Volkes muss respektiert werden.“ Sein Herausforderer Péter Magyar rief die Wählerinnen und Wähler dazu auf, Unregelmäßigkeiten zu melden – denn „Wahlbetrug ein sehr schweres Verbrechen ist“, so Magyar.

Wahlen in Ungarn: Wahlkreise als Trumpf – wie das System Orbán schützt

Selbst wenn Magyar die Wahl in Ungarn gewinnt, ist ein schneller Machtwechsel aber keineswegs garantiert. Das ungarische Wahlsystem, das Orbán nach seinem Amtsantritt 2010 zu seinen Gunsten umgebaut hat, könnte zum entscheidenden Faktor werden. 106 der 199 Mandate werden in Einzelwahlkreisen vergeben – und diese sind so zugeschnitten, dass oppositionsstarke Städte auf mehrere Kreise aufgeteilt sind, die jeweils viel ländliches Umland einschließen. „Es ist eine Situation vorstellbar“, sagte Wahlforscher Robert Laszlo vom Thinktank Political Capital kürzlich laut der Nachrichtenagentur dpa, „dass Tisza um ein bis drei Prozentpunkte mehr Stimmen hat als Fidesz – und trotzdem Fidesz die Mehrheit der Parlamentsmandate hat.“

Es sind vergleichsweise freie Wahlen.

Thorsten Benner vom Global Public Policy Institute (GPPi)

Tobias Winkler (CSU), Mitglied im Europaausschuss des Bundestages, sieht im Wahlrecht ebenfalls die größte Hürde für die Opposition bei der Ungarn-Wahl: Am Ende würden wahrscheinlich die Direktwahlkreise eine große Rolle spielen, denn sie könnten den „Bürgerwillen am Ende im Parlament stark verzerren“, warnte er auf Anfrage der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Deswegen gelte es, den Zeitraum nach dem Wahltag sehr genau zu beobachten: „Durch die aktuelle Zweidrittelmehrheit besteht auch in der Übergangszeit noch die Möglichkeit für die regierende Partei, es dem Gegner schwer zu machen. Wir dürfen dem Wahltag mit Spannung entgegenblicken, die Zeit danach müssen wir aber ebenfalls genau im Blick behalten.“

Thorsten Benner vom Global Public Policy Institute (GPPi) teilt diese Einschätzung. „Die größte Frage ist, ob und wie Orbán eine Machtübergabe nach einem möglichen Sieg der Opposition sabotieren wird“, sagte er unserer Redaktion. Gewinne Tisza keine Zweidrittelmehrheit der Sitze, könne sie „kaum regieren, weil sie gefangen ist in einer von Orbán systematisch ausgehöhlten Verfassungsordnung.“

Mit einer Zweidrittelmehrheit hingegen könnte Magyar Orbáns Verfassungsänderungen zurückdrehen – und den Weg für eingefrorene EU-Milliarden freimachen, die Tisza für den Haushalt dringend benötige. „Wenn Tisza ‚nur‘ eine einfache Mehrheit der Mandate erringt, wird es ein steiniger, fast unmöglicher Weg zu einer schnellen De-Orbanisierung Ungarns“, so Benner.

Manipulation der Ergebnisse bei der Ungarn-Wahl 2026 – das sagen die Experten

Winkler ordnet die Wahl in einen größeren europäischen Kontext ein: „Die Wahl ist von großer Tragweite, über Ungarn hinaus. Die Positionierung des Ministerpräsidenten gegen eine europäische Außen- und Sicherheitspolitik berührt auch deutsche Sicherheitsinteressen.“ Beim Thema Manipulation der Ergebnisse bei der Ungarn-Wahl mahnt er zur Differenzierung: Großangelegte Fälschungen der Stimmzählung hält er für unwahrscheinlich – „die Delegitimation hingegen schon.“

Benner sieht das ähnlich: Es würden „vergleichsweise freie Wahlen sein im Rahmen dessen, was in einem Land möglich ist, in dem sich die Orbán-Regierung über mehr als ein Jahrzehnt Medien, Wirtschaft und andere zentrale Institutionen zur Beute gemacht hat.“ (Quellen: Eigene Recherche, dpa, Washington Post, Spiegel, Handelsblatt, Welt, Politpro.eu) (jenko)

Rubriklistenbild: © Denes Erdos/dpa

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