Analyse zum Ukraine-Krieg
Angriffe auf Ölraffinerien: Ukraine trifft Russlands Wirtschaft immer härter
Die Ukraine greift systematisch die russische Ölinfrastruktur an. Die Folgen für Russlands Wirtschaft sind erheblich – und nehmen weiter zu.
Kiew verfolgt im Ukraine-Krieg ein klares Ziel: Russlands Wirtschaft soll geschwächt werden – mit allen militärischen Mitteln. Inzwischen hat der Feldzug gegen Russlands Energieinfrastruktur eine neue Dimension erreicht. Was mit sporadischen Nadelstichen begonnen hat, ist zu einer der wirksamsten ukrainischen Kriegsstrategien geworden. Und tatsächlich werden die Folgen für Russlands Wirtschaft und seine Exporteinnahmen zusehends spürbarer.
Ein Blick auf die nüchternen Zahlen zeigt, was die Ukraine bisher erreicht hat: Seit Beginn des Ukraine-Kriegs hat das ukrainische Militär russische Ölraffinerien insgesamt 158 Mal angegriffen. Das geht aus Daten hervor, die das in Polen ansässige Medienunternehmen Vot Tak zusammengestellt hat. Getroffen wurden dabei den Angaben zufolge mindestens 24 der 33 russischen Großraffinerien, die mehr als eine Million Tonnen Öl pro Jahr verarbeiten können – darunter alle größeren Anlagen im europäischen Teil Russlands. Besonders häufige Ziele waren die Raffinerien in Rjasan und Saratow (je 15 Treffer) sowie die Anlage in Sysran (11 Treffer). Zuletzt bestätigte Präsident Wolodymyr Selenskyj einen weiteren Angriff auf die Rosneft-Raffinerie in Sysran in der Nacht zum 21. Mai.
Eskalation 2026: Rekordzahlen bei Angriffen
Auch die Intensität der ukrainischen Angriffe wächst rasant. In den ersten fünf Monaten des Jahres 2026 wurden bereits 32 Angriffe auf russische Raffinerien verzeichnet. Zum Vergleich: Im Jahr 2024 hat die Ukraine insgesamt 34 Mal angegriffen, also nur zweimal mehr. Besonders signifikant ist die Zahl aus dem April 2026: Allein in diesen vier Wochen registrierte Bloomberg mindestens 21 Attacken auf Raffinerien, Pipelines und Ölanlagen auf See. Das war gleichbedeutend mit einem Viermonatshoch.
Einen symbolischen Höhepunkt erreichten die Angriffe am 17. Mai, als Drohnen die Moskauer Ölraffinerie im Rahmen eines Großangriffs auf die russische Hauptstadt trafen. Das Werk musste der Zeitung daraufhin vorübergehend die Produktion einstellen, wie die Zeitung The Kyiv Independent berichtete. Innerhalb einer Woche wurde zudem eine Großraffinerie bei Kstovo in der Oblast Nischni Nowgorod zweimal getroffen.
| Jahr | Zahl der Agriffe |
|---|---|
| 2023 | 4 |
| 2024 | 34 |
| 2025 | 88 |
| 2026 | 32 |
Ukraines Strategie: Russlands Kriegskasse austrocknen
Die wirtschaftlichen Folgen für Russland sind beträchtlich. Nach Berechnungen der Nachrichtenagentur Reuters haben ukrainische Angriffe auf nur zehn Anlagen mindestens 17 Prozent der russischen Raffineriekapazität oder 1,1 Millionen Barrel pro Tag lahmgelegt. Besonders gravierend sind die Einbußen beim Energieexport: Laut Reuters sanken Russlands Öl- und Gaserlöse im Jahr 2025 um rund 24 Prozent auf den niedrigsten Stand seit 2020. Bis Februar 2026 lagen die fossilen Exporteinnahmen rund 27 Prozent unter dem Vorkriegsniveau.
Weitere Zahlen liegen zu den Angriffen Ende März und Anfang April vor. Nach Angaben des ZDF hatten die damaligen Angriffe Russlands Ölexportkapazitäten um etwa 20 Prozent verringert. Der wirtschaftliche Schaden beschränkt sich aber nicht auf den Exportsektor: Russlands gesunkene Treibstoffreserven treffen zunehmend auch die eigene Landwirtschaft, die auf Diesel für Erntemaschinen angewiesen ist. Die anhaltenden ukrainischen Angriffe auf die russische Energieinfrastruktur haben also enorme Auswirkungen auf die Kriegskasse von Wladimir Putin.
Kiew betrachtet Energieinfrastruktur ausdrücklich als legitime Militärziele. Die Begründung: Russlands Ölindustrie liefert nicht nur Treibstoff für die Kriegsmaschinerie, sondern finanziert über Exporteinnahmen auch den laufenden Angriffskrieg. Die Drohnenangriffe – kostengünstig und schwer abzufangen – haben sich dabei als besonders wirksames Mittel erwiesen. Regelmäßige Angriffe auf Raffinerien begannen im Jahr 2023 und steigern sich seitdem stetig in Umfang und Frequenz. Dabei werden sowohl Drohnen als auch Marschflugkörper eingesetzt, die Ziele teils mehr als 800 Kilometer hinter der russischen Grenze treffen – wie zuletzt bei der Raffinerie in Sysran.
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Geopolitische Wirkung: Verhandlungsdruck oder Eskalation?
Fachleute sind sich uneins über die langfristigen Auswirkungen der Angriffe. In einem Interview mit der Tagesschau sagte der Publizist Andrey Gurkov, dass der wirtschaftliche Druck Russlands Verhandlungsbereitschaft beeinflussen könnte: „Je schmerzhafter die Angriffe der ukrainischen Seite nicht nur auf die Ölraffinerien, sondern generell auf die russische Wirtschaft, auf russische Militärbetriebe sein werden, desto schneller wird dieser Zustand erreicht werden.“ Aber: Noch sei man nicht so weit.
Präsident Selenskyj sieht dennoch eine geänderte Dynamik im Ukraine-Krieg. Als besonders bedeutend beschrieb er in einer Videoansprache am 19. Mai die Gegenangriffe Kiews mit Drohnen im russischen Hinterland. Sie hätten im Mai ihre Wirksamkeit gezeigt und müssten nun kreativ weiterentwickelt werden, sagte Selenskyj. Nach eigenen Angaben hat er deshalb offiziell Pläne für weitere Angriffe im Juni genehmigt. So soll Russlands Wirtschaft weiter unter Druck gesetzt werden. (Quellen: Vot Tak, Kyiv Independent, Bloomberg, Reuters, ZDF, Tagesschau, dpa) (cs)
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