„Es ist schwierig“
Ukraine-Krieg: Wetterumschwung erschwert Abwehr von Putins Drohnen
Die ukrainische Luftabwehr steht unter Druck: Russische Drohnenangriffe nehmen zu – ein Offizier erklärt die Herausforderungen an der Grenze.
Kiew – An der Front des Ukraine-Krieges spitzt sich die Lage dramatisch zu: Russische Angriffe mit Hunderten Drohnen setzen die ukrainische Luftabwehr unter enormen Druck. Selbst hochmoderne Systeme stoßen an ihre Grenzen, während neue Waffentechniken wie mit Schrotgewehren ausgestattete Abfangdrohnen für Überraschungen sorgen.
Doch der drohende Wandel beschränkt sich nicht auf den Himmel: Parallel dazu startet Russland die größte Herbstmobilisierung seit Jahren und errichtet eine umfassende elektronische Einberufungsmaschinerie. Experten werten dies als Vorbereitung für neue Fronteinsätze – und als strategischen Machtbeweis.
„Es ist schwierig“: ukrainischer Offizier über Drohnenabwehr
Wie das ukrainische Nachrichtenportals UNIAN berichtet, äußerte sich Juri Ignat, Kommunikationschef des ukrainischen Luftwaffenkommandos, während eines Spendenmarathons zur aktuellen Lage. Besonders schwierig sei der Abschuss feindlicher Drohnen in den Gebieten nahe der russischen Grenze, erklärte Ignat.
In letzter Zeit habe die Armee des Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zahlreiche Angriffs- und Aufklärungsflüge von Drohnen beobachtet. Diese fanden nach Aussage des Sprechers in nördlicher Richtung statt – insbesondere über den Regionen Tschernihiw und Sumy.
Putins Zirkel der Macht im Kreml – die Vertrauten des russischen Präsidenten




Die russische Armee setze verschiedene Drohnentypen ein: „Es ist schwierig, sie in Grenznähe abzufangen. Wir wissen, dass der Gegner dort über zahlreiche Luftabwehrsysteme verfügt, die wirksam gegen ihn wären, wenn etwa unsere Flugzeuge in diesem Gebiet operieren könnten“, so Ignat.
Angriffe im Ukraine-Krieg: Putins Shahed-Drohnen verbreiten Angst – schlechtes Wetter erschwert Abwehr
Selbst bodengestützte Systeme seien in den nördlichen Grenzregionen gefährdet – unter anderem durch mögliche Angriffe mit ballistischen Raketen, erklärte der Sprecher der ukrainischen Luftwaffe, Juri Ignat. Die Abwehr russischer Drohnen werde dadurch zusätzlich erschwert, insbesondere angesichts der ungünstigen Wetterbedingungen in der gesamten Ukraine.
Die Kampfkraft von Flugzeugen, Abfangdrohnen und mobilen Feuerteams sei bei schlechter Sicht deutlich eingeschränkt. „Der Grund ist einfach: Das Ziel muss sichtbar sein“, so Ignat. Russland verbessere seine Luftangriffsfähigkeiten stetig – etwa durch den Einsatz schwarz lackierter Shahed-Drohnen, die schwerer zu erkennen seien, oder durch die Ausrüstung mit Videokameras.
Putins Drohnen bleiben bedrohlich: „Größten konzentrierte Angriffen auf Energieanlagen“ im Ukraine-Krieg
Zuletzt setzten massive, russische Angriffe dem ukrainischen Energienetz zu – mit verheerenden Folgen: In der Nacht zum 10. Oktober startete die russische Armee nach Angaben von UNIAN einen massiven Angriff mit insgesamt 465 Drohnen verschiedener Typen, darunter etwa 200 Shaheds. Nach vorläufigen Angaben konnten die ukrainischen Streitkräfte 405 dieser Drohnen abschießen oder deaktivieren. Zudem habe Russland mehr als 30 ballistische Raketen abgefeuert.
Ministerpräsidentin Julia Swyrydenko sprach von einem der bislang „größten konzentrierten Angriffe auf Energieanlagen“. Nach Angaben der Luftwaffe kam in der Region Saporischschja ein siebenjähriges Kind ums Leben. In neun Regionen im Osten und Zentrum des Landes fiel der Strom aus. Tausende Haushalte waren betroffen, ganze Stadtteile lagen im Dunkeln. In Kiew meldete Bürgermeister Vitali Klitschko zeitweise Stromausfälle im Osten der Hauptstadt – und warnte vor weiteren Ausfällen bei der Wasserversorgung.
Wenn das Wetter über Sieg und Niederlage entscheidet
Welt der Wunder verweist im Zusammenspiel von Wetter und Krieg auf eine historische Anekdote: Anfang Juni 1944 waren die Vorbereitungen der Alliierten abgeschlossen. Rund 150.000 Soldaten warteten in England auf den Befehl zum Angriff auf die Strände der Normandie. Doch Sturm und Regen zwangen zum Aufschub – das schlechte Wetter verhinderte die geplante Invasion. Erst ein kurzes Zwischenhoch ermöglichte schließlich den historischen D-Day. Seit jeher spielen Wind und Wolken auf den Kriegsschauplätzen der Welt eine entscheidende Rolle – bis heute.
Abschuss von Drohn im Ukraine-Krieg: Schrotflinten als Lösung
Was zu Beginn des Ukraine-Krieges als Notlösung gedacht war, hat sich inzwischen zu einem festen Bestandteil der Drohnenabwehr entwickelt. Wie mehrere Medien Anfang des Jahres berichteten, stößt die elektronische Kriegsführung zunehmend an ihre Grenzen. Beide Seiten greifen daher immer häufiger zu einer „direkten Lösung“, wie es der Autor Daniel Kosoy vom ukrainischen Portal United24 formuliert: Schrotflinten gelten mittlerweile als Ultima Ratio gegen Drohnen, die sich in hoher Geschwindigkeit auf Stellungen zubewegen.
Wie die Kyiv Post berichtet, habe der Drohnenhersteller Besomar bereits Ende 2024 einen Starrflügel-Abfangjäger entwickelt, um russische unbemannte Luftfahrzeuge (Unmanned Aerial Vehicles, kurz UAVs) abzuschießen. Inzwischen soll die Drohne mit zwei Schrotgewehren nachgerüstet worden sein – die Tauglichkeit beruht aber lediglich auf Unternehmensangaben.
Ein Video auf X demonstriert, wie eine solche Shotgun-Drohne funktioniert. Geteilt wurde es von dem ukrainischen Soldaten Dimko Zhluktenko. Der hat nach eigenen Angaben seinen „gut bezahlten IT-Job aufgegeben, um mein Land vor der russischen Invasion zu retten“.
This is Ukrainian air defense shotgun drone with no recoil.
— Dimko Zhluktenko 🇺🇦⚔️ (@dim0kq) April 1, 2025
It precisely takes out multiple Russian Mavics in the air, just like a fighter jet.
This is advanced warfare! We will be seeing more of this. pic.twitter.com/0Xzh8pB2qV
Putins „strategische Reserve“: Elektronische Vorladungen in Russland
Nicht nur der Luftraum – auch der Boden könnte, für die ukrainischen Streitkräfte bald zur Gefahr werden: Wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) berichtet, hat Kremlchef Wladimir Putin die diesjährige Herbstmobilisierung eingeleitet. Rund 135.000 Männer zwischen 18 und 30 Jahren sollen eingezogen werden – die größte Einberufung seit 2016. Beobachter vermuten, dass Putin damit bereits künftige Fronteinsätze vorbereitet.
Nach Angaben der Kyiv Post hat Russland zudem ein elektronisches Einberufungssystem eingeführt. Es trägt automatisch die Namen Wehrpflichtiger in eine staatliche Datenbank ein, sobald ein Bescheid ausgestellt wird – und löst damit sofort ein Ausreiseverbot aus. Wer sich nicht innerhalb von 27 Tagen meldet, verliert seinen Führerschein, das Recht, Unternehmen zu gründen, oder Kredite aufzunehmen. Ursprünglich sollte das System nur in Moskau und drei Regionen getestet werden, doch laut der Organisation „Schule für Wehrpflichtige“ werden bereits in mindestens 15 weiteren Regionen elektronische Vorladungen verschickt.
Das Institute for the Study of War (ISW) sieht in der Mobilmachung den Aufbau einer „strategischen Reserve“. Auch die italienische Zeitung La Repubblica berichtet, dass neu produzierte Kampfvehikel bislang nicht an der Front aufgetaucht seien. Immer mehr Beobachter deuten dies als Zeichen, dass Putin im Hintergrund eine einsatzbereite Reserve formiert – als Reaktion auf die stagnierenden Frontverläufe oder als Drohkulisse für eine mögliche Rückkehr zur berüchtigten „Fleischwolf“-Taktik gegen die Ukraine. (Quellen: X, Welt der Wunder, UNIAN, United24, X, dpa, AFP, Schule für Wehrpflichtige, Kyiv Post, Institute for the Study of War, La Repubblica frühere Berichterstattung) (kox)
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