Protagonisten im Überblick

Populisten, Radikale, Extreme: Das rechte Lager in Europa – von Meloni bis AfD

Nigel Farage bei einer CPAC-Konferenz in Washington
1 von 22
Neue rechte Kräfte feiern mittlerweile in nahezu ganz Europa Umfrage- und Wahl-Erfolge – und sie pflegen internationale Bande. Bei den “Conservative Political Action Conferences” etwa, kurz CPAC, sonnen sich europäische Politikerinnen und Politiker im Abglanz der MAGA-Bewegung. Nicht immer verhilft das zu Wahlsiegen. Aber es geht auch um Erfahrungsaustausch wie EU-Experte Nicolai von Ondarza unserer Redaktion sagte: „Entscheidend ist das gegenseitige Lernen in Informations- und Politikkampagnen sowie die Verstärkung gemeinsamer Narrative über soziale Medien.“ Hier präsentierte sich der britische Rechtspopulist Nigel Farage 2023 zwischen US-Flaggen.
Tino Chrupalla, Andre Ventura und Rechtsnationalistin Marin Le Pen halten sich an den Händen
2 von 22
Dieses Bild gehört eindeutig der Vergangenheit an. Denn die Rechtsaußen – hier Tino Chrupalla (AfD), Andre Ventura von der portugiesischen „Chega!“ und Marine Le Pen (RN, v.li.) – formieren keinen einzelnen, gefestigten Block. Im EU-Parlament etwa gibt es allein drei Fraktionen rechts der konservativen EVP. Von nationalkonservativ bis rechtsradikal reichen die Strömungen. Und bei Weitem nicht immer ist man sich einig. Das RN etwa hat die Beziehungen zur AfD (vorerst) gekappt. Ein Überblick über die Lager quer durch die EU-Länder:
Georgia Meloni und Friedrich Merz lachen vor einer blauen Wand und einer deutschen und italienischen Flagge.
3 von 22
Als verträglicher Partner unter Europas Rechten gilt der konservativen EVP samt CDU und CSU Italiens Regierung. Ein Grund für das Urteil: Ministerpräsidentin Giorgia Meloni (hier mit Kanzler Friedrich Merz) von der postfaschistischen Fratelli d‘Italia (FdI) stellt sich rhetorisch klar gegen Wladimir Putin und den Ukraine-Krieg. Innen- und migrationspolitisch schreckt Melonis Regierung vor Diskriminierung aber nicht zurück. In Italiens Wahlumfragen führen die FdI anhaltend. Im EU-Parlament leitet Melonis Parteifreund Nicola Procaccini die EKR-Fraktion mit. Auch die ist für die EVP offiziell ein akzeptabler Partner.
PiS-Vorsitzender Jaroslaw Kaczynski umringt von Journalisten mit Mikrofonen.
4 von 22
EKR steht für „Europäische Konservative und Reformer”. Verglichen mit ihren Konkurrenten am rechten Rand wirken die EKR tatsächlich gemäßigt. Allerdings haben Parteien der Familie auch schon für reichlich Ärger gesorgt. Eine zweite wichtige Kraft ist die PiS - sie hat in Polen nach Ansicht vieler Beobachter bis zur Abwahl 2024 den Rechtsstaat ausgehöhlt. Das Foto zeigt den Parteigranden Jaroslaw Kaczynski kurz vor einer Aussage in einem Untersuchungsausschuss. Über ihren siegreichen Präsidentschaftskandidaten Karol Nawrocki greift die PiS weiter in die heimische Politik ein. In den polnischen Umfragen büßte die PiS Anfang 2026 aber deutlich ein.
George Simion blickt in Anzug und Krawatte in die Kamera
5 von 22
Wie harmlos ist die EKR? Auch George Simion und seine AUR gehören dazu. Die Partei führte Mitte 2026 in Rumäniens Wahlumfragen. Bereits Ende 2024 war sie nahe daran, dem parteilosen Rechtsradikalen Calin Georgescu ins Präsidentenamt zu helfen – unterstützt wohl durch eine russisch-geprägte Social-Media-Kampagne. Die AUR sehen Experten äußerst kritisch: Sie sei „rechtsextrem“, „populistisch“ und propagiere ein „Großrumänien“, „Impfgegnerschaft“ und Ablehnung von Unterstützung für die Ukraine, urteilte Politologe Ivaylo Dinev in einem Beitrag für das Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien.
Jimmie Akesson in weißem Anzug unter freiem Himmel vor einem Wahlkampfauto der Schwedendemokraten
6 von 22
Ebenfalls zum EKR-Lager gehören die Schwedendemokraten. Die Partei mit rechtsextremen Wurzeln gibt sich mittlerweile ein freundlicheres Gesicht – samt Blümchen im Logo und Bienchen auf Wahlkampfmobilen. Unkontrovers ist sie deshalb nicht. Vor der EU-Wahl machten Berichte über verdeckte Diffamierungskampagnen aus Parteireihen die Runde. Am Tag des Urnengangs gröhlte ein Abgeordneter zur Melodie von „L‘amour toujours“ „Ausländer raus” (unwissentlich) direkt in ein Reporter-Mikro. In der Heimat dulden die Schwedendemokraten die Regierung und bekommen im politischen Gegenzug unter anderem Kürzungen bei Integrationsmaßnahmen. Nach der Wahl 2026 wollen sie Ministerposten.
Riikka Purra („Die Finnen“) verfolgt die Amtseinführung von Alexander Stubb
7 von 22
Eine durchaus staatstragende Rolle haben „Die Finnen“ um Chefin Riikka Purra (1. Reihe rechts, hier bei der Amtseinführung von Präsident Alexander Stubb, Mitte) inne. Seit 2023 ist die Partei aus der EKR-Familie Koalitionspartner der Konservativen – es ist ihre zweite Regierungsbeteiligung. Schon kurz nach dem Start gab es Eklats um mehrere ihrer Minister, etwa wegen rassistisch anmutender Aussagen und Kontakten zu neonazi-nahen Gruppierungen. Der Politologe Richard Stöss stuft „Die Finnen“ als „gemäßigt rechtsextrem“ ein. Im Umfragen aus dem Jahr 2026 hat die Partei gegenüber der Wahl eingebüßt. Ein Grund dürften schmerzhafte Reformen sein, etwa bei der Rente.
Alexander de Croo und der neue belgische Premier Bart De Wever bei der Amtsübergabe.
8 von 22
Belgiens Wahlsystem ist etwas eigen – aufgrund der Trennung in einen flämischen und einen wallonischen Landesteil. Vor allem in Flandern ist die „Neu-Flämische Allianz” (N-VA) ein großer Player – und damit sogar größte Partei im belgischen Parlament und Teil der Regierungskoalition. Der langjährige Parteichef Bart De Wever (re., hier 2025 mit Vorgänger Alexander De Croo) ist nun Premier. N-VA sieht sich als „nationalistisch” und warnt vor einer Islamisierung. Auf europäischer Ebene ist sie durch verschiedene Fraktionen gewandert. Aktuell ist sie bei der EKR angekommen. Noch weiter rechts, aber nur etwas niedriger in der Wählergunst steht die Partei „Vlaams Belang“.
Santiago Abascal im spanischen Abgeordnetenhaus
9 von 22
Auch in Europas sonnigen Gefilden spielen Rechtspopulisten und -extremisten eine Rolle. Aus Spanien ist Vox (hier Parteichef Santiago Abascal), aus Portugal Chega!, aus Griechenland Elliniki Lysi Mitglied der EKR-Fraktion im Europaparlament. Vox‘ Umfeld arbeitet an Vernetzung: So organisiert der parteinahe Thinktank „Disenso“ das „Madrid Forum“. Dessen Manifest unterschrieben etwa Eduardo Bolsonaro oder der ultrarechte chilenische Präsident José Antonio Kast. Portugal schien lange immun gegen Rechtspopulismus zu sein. „Chega!” („Es reicht!”) holte 2024 aber 9,8 Prozent der Stimmen. Elliniki Lysi (EL) kam bei Parlamentswahlen bisher nicht über 4,5 Prozent der Stimmen hinaus. Ein Slogan lautet „Greece First“. Uneinig dürften sich die drei Parteien in Sachen Russland sein: Vox und Chega! zeigen wenig Sympathie für Wladimir Putin. EL-Chef Kyriakos Velopoulos zeigte 2024 Verständnis für den Angriff auf die Ukraine. Griechenland brauche einen Anführer wie Putin.
Matteo Salvini steht neben einer Leinwand auf der überlebensgroß Marine Le Pen eingeblendet ist
10 von 22
Noch ein Stück weiter rechts steht die zweite große Rechtsaußen-Fraktion im Europaparlament: die Patrioten für Europa (PfE). Ihre mit Abstand stärkste Kraft kommt aus Frankreich – das Rassemblement National (RN). Eng verknüpft ist es mit dem Namen Le Pen: Gegründet hat die Partei 1972 Jean-Marie Le Pen unter dem Namen „Front National”. Die Gaskammern der deutschen Nazis nannte er ein „Detail der Geschichte”, ein Motto lautete zudem „Franzosen zuerst”. Tochter Marine Le Pen schielt auf die Macht in Frankreich, will die Partei in harmloseres Gewand kleiden – und ging auch deshalb in den Clinch mit der AfD. Das RN setzt auf ein soziales Image. Der Schlachtruf „Franzosen zuerst” bleibt. Zu den europäischen Partnern gehört die italienische Lega von Matteo Salvini (links im Bild).
  • Florian Naumann
    VonFlorian Naumann
    schließen

Vielerorts in Europa erstarken rechtspopulistische bis -extreme Parteien. Sie verkörpern einen autoritären Trend – aber einen geschlossenen Block bilden sie nicht.

Umfrageauswertungen aus ganz Europa zeigen es: Nicht nur die AfD in Deutschland bereitet mit bislang ungekannt hohen Zustimmungsraten Sorge – quer über den Kontinent erstarken scharf rechte Kräfte. Die Frage nach den Gründen ist komplex. Der Forscher Vicente Valentim etwa vermutet aber, dass „Normen“ zerbröckelt sind, die Menschen daran hinderten, rechtsradikale Einstellungen zu äußern, auch an der Wahlurne. Mit dem Sprung Rechtsradikaler ins Parlament oder gar in die Regierung fielen weitere Hemmschwellen bei Wählerinnen und Wählern, meint er.

Gleichwohl: In so ziemlich jedem europäischen Land gibt es abseits dieses mutmaßlichen Mechanismus‘ individuelle Hintergründe und Parteienlandschaften. Und auch „die Rechten“ sind kein monolithischer Block. Allein im EU-Parlament sind drei verschiedene Fraktionen rechts der (überwiegend) klassisch konservativen EVP vertreten. Hinzu kommen einige teils offen rechtsextreme Fraktionslose. Die drei Fraktionen unterscheiden sich in ihrer Radikalität und in ihren Haltungen etwa zu Russland und dem Ukraine-Krieg – wenngleich die Block-Zugehörigkeit der einzelnen Parteien nicht in jedem Fall ein klarer Indikator für ihre ideologische Position ist.

Unsere Fotostrecke zeigt die bekanntesten und einflussreichsten Köpfe und Parteien der neuen Rechten, sortiert nach EU-Fraktionszugehörigkeit. Sie deutet ebenso wie unsere Europakarte an: Das Phänomen ist weiter ernstzunehmen, selbst wenn mit Viktor Orbán ein Vorreiter der Autoritären zuletzt die Abwahl hinnehmen musste. Eine weitere Erkenntnis: „Brandmauern“ sind schon in vielen europäischen Ländern gefallen, verschwunden sind neurechte Parteien dadurch kaum einmal.

Unter Beschuss steht der sogenannte Cordon Sanitaire neuerdings verstärkt im EU-Parlament. Die konservative EVP und die drei Rechtsaußenfraktionen haben seit 2024 zusammen eine parlamentarische Mehrheit. Die ist mittlerweile mehrfach zum Zuge gekommen – auch wenn EVP-Chef Manfred Weber (CSU) jedenfalls eine Zusammenarbeit mit der AfD und ihrer ESN-Fraktion dementiert. Dass solche Mehrheiten überhaupt greifbar sind, verdeutlicht aber: Europa ist über die vergangenen Jahre und Jahrzehnte ein gutes Stück nach rechts gerutscht.

Spannend bleibt eine weitere Frage: Wie gut können die Rechtsaußen miteinander kooperieren? Globale Vernetzungsbemühungen sind zu beobachten, dabei spielt auch Donald Trumps MAGA-Bewegung eine Rolle. Womöglich unter anderem, weil ein zersplittertes Europa nach „Einflusssphären“ strebenden Potentaten gelegenkommt. Doch „America First“ bleibt eben „America First“ – als Trump im Frühjahr 2025 nach Grönland zu greifen schien, rief ihm ein dänischer Rechts-Abgeordneter aus dem Plenum des EU-Parlaments erbost entgegen: „Fuck off!“.

Rubriklistenbild: © Montage: Philipp von Ditfurth/Michael Kappeler (2)/Nicolas Maeterlinck/picture alliance/dpa/Belga/fn

Kommentare