Strategisch bedeutsame Stadt

Öffnet der Fall von Pokrowsk die Verhandlungstür im Ukraine-Krieg?

Die ukrainische Stadt Pokrowsk ist von großer strategischer Bedeutung im Ukraine-Krieg. Nun steht sie wohl kurz vor dem Fall. Welche Bedeutung das für Verhandlungen hat.

Kiew/Pokrowsk – Die ukrainische Stadt Pokrowsk ist logistisch sehr bedeutend für die ukrainische Verteidigung. Sollte sie eingenommen werden, wäre die Versorgung der gesamten Ostflanke in Gefahr. Aber nun verdichten sich seit Tagen die Hinweise, dass die Stadt bald fallen wird. Wladimir Putin könnte den Ausgang dieser Schlacht abwarten, bis er mit Wolodymyr Selenskyj über den Ukraine-Krieg verhandelt.

Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj bei einem Besuch an der Front

Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, versucht Russland seit über einem Jahr, Pokrowsk durch eine Zangenbewegung einzukesseln und die Nachschubwege abzuschneiden. Pokrowsk ist ein strategisch wichtiger Knotenpunkt für Straßen und Eisenbahnen in der Region Donezk und spielt eine entscheidende Rolle als Logistikzentrum für das ukrainische Militär. Die Stadt liegt an einer zentralen Versorgungsroute, die für andere umkämpfte Stellungen der Ukraine von Bedeutung ist.

Eine Einnahme durch russische Truppen könnte die Versorgungslinien der Ukraine an der Ostfront unterbrechen. Dies würde den russischen Streitkräften eine Basis bieten, um weiter nach Norden vorzurücken und die beiden größten von der Ukraine kontrollierten Städte in der Region, Kramatorsk und Slowjansk, ins Visier zu nehmen. Zudem beherbergt Pokrowsk die einzige Kokskohlengrube der Ukraine, die für die Stahlindustrie des Landes essenziell ist.

Zukunft des Ukraine Kriegs könnte sich in Pokrowsk entscheiden

Die aktuelle Lage ist prekär. In den vergangenen Tagen (18. und 19. November) meldeten die ukrainischen Streitkräfte 50 feindliche Angriffe in der Region, darüber berichtete ukrinform. Und am Donnerstag, 20. November, veröffentlichte das russische Verteidigungsministerium ein Video, das russische Soldaten zeigt, die sich ungehindert in den Straßen von Pokrowsk bewegen. Wann genau die Aufnahmen entstanden, ist unklar, auch die Echtheit dieses Videos ist nicht bestätigt. Reuters und ntv gehen jedoch davon aus, dass sie im Süden der Stadt aufgenommen wurden.

Und auch sonst häufen sich die Berichte über die schwere Lage in der Stadt. Laut übereinstimmenden Medienberichten ist nur noch eine Versorgungsstraße in ukrainischer Hand. Das sieht auch der österreichische Militärexperte Oberst Markus Reisner. Er erklärte Anfang der Woche bei ntv, dass Pokrowsk bereits vor zwei Wochen faktisch gefallen sei. „Am nördlichen Rand der Stadt gibt es einige Plattenbauten, wo noch teilweise ein kleines Gebiet von ukrainischen Soldaten gehalten wird“, so Reisner. „Die Ukrainer bleiben dort, um den Raum nördlich und nordöstlich von Pokrowsk zu verteidigen. Sie halten dafür einen kleinen Korridor zum Kessel ostwärts der Stadt offen. Die Ukrainer wollen alle ihre Soldaten aus dem Kessel herausbekommen. Das ist vor allem die 38. Marinebrigade.“

Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Bundeswehr nutzt den Kampfpanzer Leopard in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in den jüngeren Modellen von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen. Die Ukraine erhält Panzer des Typs Leopard 2 A6. Das 62,5 Tonnen-Gefährt war bei seiner Einführung im Jahr 2001 als verbesserte Variante des A5 etwa mit neuer Hauptwaffe versehen worden. Das Modell A6M verfügt zudem über einen erhöhten Minenschutz.
Der US-Kampfpanzer M1 Abrams gleicht dem Leopard 2 in weiten Teilen. Den M1 Abrams gibt es seit 1980 in mittlerweile drei Hauptvarianten. Seit dem Modell M1A1 ist eine 120-Millimeter-Kanone an Bord. Die vier Insassen werden von einer Stahl-Panzerung vor Angriffen geschützt. Mit 1500 PS kommt der je nach Modell bis zu 74 Tonnen schwere Abrams auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 68 Kilometern pro Stunde. Anders als der Leopard 2 wird der M1 Abrams über eine Gasturbine mit Kerosin angetrieben.
Die Hauptwaffe der US-amerikanischen Bradley-Schützenpanzer besteht aus einer 25-Millimeter-Maschinenkanone M242 Bushmaster, die zwischen 100 und 200 Schuss pro Minute verschießen kann. Zudem sind die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die nach General Omar N. Bardley benannt sind, mit Maschinengewehren des Typs M240 sowie panzerbrechende Raketen ausgestattet. Die Besatzung umfasst bis zu zehn Soldaten: Fahrer, Kommandant, Richtschütze sowie bis zu sieben Soldaten als Infanterietrupp. Der Panzer wurde dafür konzipiert, im Verbund mit Panzerartillerie und Kampfhelikoptern zu operieren.
Beim AMX-10 RC aus Frankreich handelt es sich um einen amphibischen Spähpanzer. Der Panzer wird aufgrund seiner schwereren Panzerung und Bewaffnung hauptsächlich bei der Aufklärung eingesetzt. Ausgestattet ist er mit einer 105-Millimeter-Kanone, wodurch er auch als Panzerjäger verwendet werden kann. Die Besatzung besteht aus mindestens vier Soldaten. Bei einer Gefechtsmasse von 14,2 Tonnen ist der Panzer mit 85 km/h extrem mobil.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Wie Reuters berichtet, wird die Stadt auf russischen Karten mittlerweile als unter russischer Kontrolle dargestellt, während ukrainische Truppen angeblich im benachbarten Myrnohrad eingeschlossen sind. Ukrainische Karten hingegen zeigen Pokrowsk als Grauzone, die von keiner Seite vollständig kontrolliert wird, und Myrnohrad soll nicht komplett umzingelt sein.

Lage in Pokrowsk könnte sich auf Verhandlungen über das Ende des Ukraine-Kriegs auswirken

Die Lage in Pokrowsk könnte auch einen Einfluss auf die andauernden Verhandlungen in Washington, D.C. über ein Ende des Ukraine-Kriegs von Bedeutung sein. Am Mittwoch (19. November) wurde bekannt, dass Donald Trumps Sondergesandter Steve Witkoff in der US-Hauptstadt mit dem russischen Unterhändler Kirill Dmitriev über einen 28-Punkte-Plan verhandelt. Die Ukraine hat den Plan nach eigenen Angaben inzwischen erhalten, laut der Tagesschau ist Selenskyj zu Gesprächen bereit. Bisher hat sich Putin selbst nicht an Gesprächen beteiligt, ein für ihn positives Ergebnis in Pokrowsk könnte seine Position stärken und ihn an den Verhandlungstisch bringen. (Quellen: Tagesschau, Reuters, ukrinform, ntv) (cdz)

Rubriklistenbild: © IMAGO / ZUMA Press Wire

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