Wende im Ukraine-Krieg?

Pokrowsk im Fokus: Warum Putin die Eroberung der ukrainischen Frontstadt forciert

Intensive Kampfhandlungen in Pokrowsk: Russische Truppen erobern weitere Gebiete – die strategische Wichtigkeit der Stadt verliert an Gewicht.

Update, 1. November, 15:50 Uhr: Ukrainische Streitkräfte haben nach neuen geolokalisierten Aufnahmen vom 31. Oktober marginale Geländegewinne östlich von Rodynske nördlich der umkämpften Stadt Pokrowsk erzielt, wie das Institute for the Study of War (ISW) in ihrem aktuellsten Bericht (Stand 31. Oktober) schreibt. Zusätzliche Aufnahmen vom 30. Oktober dokumentieren ukrainische Angriffe auf russische Stellungen in Nord-Pokrowsk und östlich von Rih nach gezielten Infiltrationsmissionen, die jedoch laut dem ISW keine dauerhaften Veränderungen der Frontlinie bewirkten.

Eine Quelle des ukrainischen Militärgeheimdienstes berichtete am 29. Oktober, dass russische Truppen in kleinen Gruppen von fünf bis zehn Personen systematisch in Pokrowsk eindringen und die strategisch wichtige Stadt hauptsächlich eine umkämpfte „Grauzone“ darstelle. Das russische Verteidigungsministerium beanspruchte unterdessen Fortschritte nahe dem Bahnhof Pokrowsk im Stadtzentrum sowie Vorstöße der 5. Motorisierten Schützenbrigade in Myrnohrad. Russische Militärblogger behaupteten zusätzlich, dass Einheiten der 41. Allgemeinen Armee westlich von Pokrowsk in Richtung Hryschyne vorgerückt seien und die wichtige M-30-Fernstraße Pokrowsk-Pawlohrad erreicht hätten.

Lage in Pokrowsk brenzlig: Ukraine startet Offensive mit Helikopter an der Ukraine-Front

Mit Spezialkräften hinter den russischen Linien versucht die Ukraine angeblich, den Fall der bedrängten Stadt Pokrowsk im Osten aufzuhalten. Ein Kommandotrupp sei mit dem Hubschrauber abgesetzt worden und solle die Nachschublinien nach Pokrowsk und Myrnohrad freikämpfen. Das berichteten ukrainische Medien unter Berufung auf Quellen im Militärgeheimdienst HUR. Geheimdienstchef Kyrylo Budanow sei selbst an der Front, um die Aktion zu befehligen, meldete der Rundfunksender Suspilne.

Das russische Verteidigungsministerium in Moskau bestätigte in seinem Lagebericht den Angriff der Ukrainer. Die Aktion sei aber vereitelt worden. „Alle elf Personen, die von dem Hubschrauber abgesetzt wurden, wurden vernichtet“, hieß es. Dies wiederum wurde von Quellen im HUR in Kiew dementiert. Der Einsatz gehe weiter. Mehreren Medien wurde ein Video der Landung zugespielt, das aber keine klaren Rückschlüsse auf die Lage zulässt.

Erstmeldung: Kiew – In seiner Videobotschaft am Sonntag hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die prekäre Lage seiner Truppen in der Stadt Pokrowsk öffentlich gemacht. Die Intensität der Kämpfe sei wie in den vergangenen Wochen sehr hoch, das russische Militär habe zahlreiche Truppen zusammengezogen, teilte er in seiner Videobotschaft am Abend mit: „Die Besatzer versuchen mit allen Mitteln, sich dort festzusetzen“.

Die Offensive des russischen Präsidenten Wladimir Putins im Donbass rückt offenbar unerbittlich vor: 2023 wurde Bachmut nahezu vollständig zerstört, der Blick richtet sich nun auf Pokrowsk (Archivbild)

Die Stadt befindet sich in der Industrieregion Donezk, welche bereits in der Vergangenheit Schauplatz einiger der verlustreichsten Schlachten des Ukraine-Krieges war – etwa in den Städten Bachmut, Mariupol und Awdijiwka. Bereits im September 2022 erklärte die russische Regierung Donezk und Luhansk sowie die Regionen Cherson und Saporischschja für annektiert. Die Gründe für Wladimir Putins anhaltendes Interesse an der Region sind dabei vielfältig.

Pokrowsk unter Druck – Putins Truppen an der Ukraine-Front auf dem Vormarsch

Seit mehr als einem Jahr verteidigen die ukrainischen Streitkräfte die Stadt im Osten der Ukraine – und die Lage wird stetig brenzliger. Ukrainische wie russische Militärblogger berichten übereinstimmend, dass immer mehr russische Soldaten von Süden in das Zentrum der Bergbaustadt eindringen. Die Russen lieferten sich Straßenkämpfe mit ukrainischen Truppen und bekämpften mit Drohnen und Mörsern deren Nachschubwege, schreibt der militärnahe ukrainische Blog DeepState.

Pokrowsk befindet sich im Industriegebiet Donbass und hatte vor dem Krieg etwa 60.000 Einwohner. Die Stadt ist mittlerweile stark zerstört. Das russische Vordringen macht auch die Verteidigung eines östlich gelegenen Brückenkopfes der Ukrainer um die Stadt Myrnohrad fast unmöglich. Mit etwa 11.000 Mann versuche die russische Armee, bei Pokrowsk einen Kessel zu schließen, teilte das 7. Korps der ukrainischen Armee auf Facebook mit.

Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Bundeswehr nutzt den Kampfpanzer Leopard in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in den jüngeren Modellen von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen. Die Ukraine erhält Panzer des Typs Leopard 2 A6. Das 62,5 Tonnen-Gefährt war bei seiner Einführung im Jahr 2001 als verbesserte Variante des A5 etwa mit neuer Hauptwaffe versehen worden. Das Modell A6M verfügt zudem über einen erhöhten Minenschutz.
Der US-Kampfpanzer M1 Abrams gleicht dem Leopard 2 in weiten Teilen. Den M1 Abrams gibt es seit 1980 in mittlerweile drei Hauptvarianten. Seit dem Modell M1A1 ist eine 120-Millimeter-Kanone an Bord. Die vier Insassen werden von einer Stahl-Panzerung vor Angriffen geschützt. Mit 1500 PS kommt der je nach Modell bis zu 74 Tonnen schwere Abrams auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 68 Kilometern pro Stunde. Anders als der Leopard 2 wird der M1 Abrams über eine Gasturbine mit Kerosin angetrieben.
Die Hauptwaffe der US-amerikanischen Bradley-Schützenpanzer besteht aus einer 25-Millimeter-Maschinenkanone M242 Bushmaster, die zwischen 100 und 200 Schuss pro Minute verschießen kann. Zudem sind die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die nach General Omar N. Bardley benannt sind, mit Maschinengewehren des Typs M240 sowie panzerbrechende Raketen ausgestattet. Die Besatzung umfasst bis zu zehn Soldaten: Fahrer, Kommandant, Richtschütze sowie bis zu sieben Soldaten als Infanterietrupp. Der Panzer wurde dafür konzipiert, im Verbund mit Panzerartillerie und Kampfhelikoptern zu operieren.
Beim AMX-10 RC aus Frankreich handelt es sich um einen amphibischen Spähpanzer. Der Panzer wird aufgrund seiner schwereren Panzerung und Bewaffnung hauptsächlich bei der Aufklärung eingesetzt. Ausgestattet ist er mit einer 105-Millimeter-Kanone, wodurch er auch als Panzerjäger verwendet werden kann. Die Besatzung besteht aus mindestens vier Soldaten. Bei einer Gefechtsmasse von 14,2 Tonnen ist der Panzer mit 85 km/h extrem mobil.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Bereits seit 2014 wird der Donbass in Teilen von prorussischen Separatisten kontrolliert. Laut einer AFP-Auswertung von Daten des in den USA ansässigen Institute for the Study of War (ISW) vom August werden 99 Prozent der Region Luhansk und 79 Prozent der Region Donezk inklusive deren jeweilige Hauptstädte von russischen Truppen kontrolliert.

Pokrowsk im Ukraine-Krieg: Ein umkämpftes Zentrum im Donbass

Die Gebiete im Osten der Ukraine waren seit Beginn des Ukraine-Krieges immer wieder Gegenstand diverser Verhandlungen: So waren beim Vorschlag des US-Präsidenten Donald Trumps, den Krieg bei den derzeitigen Frontverläufen einzufrieren, besonders Gebietsverluste im Donbass abzusehen. Historisch ist der Donbass das industrielle Herz der Ukraine. Die Region war bekannt für Kohle und Schwerindustrie: Im Jahr 2012 machte die Gesamtregion laut Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) 22 Prozent der nationalen Industrieproduktion aus. Allein Donezk lieferte 16,3 Prozent und war damit Spitzenreiter. Mittlerweile rücken jedoch andere, weitaus wertvollere Ressourcen in den Fokus: Der Donbass ist reich an Lithium, Uran, Titan und seltenen Erden. Viele dieser Vorkommen liegen jedoch in den besetzten oder umkämpften Gebieten und sind nicht zugänglich.

Was ist der Donbass?

An Russland grenzen zwei ukrainische Regionen: Donezk und Luhansk. Gemeinsam bilden diese den Donbass. Das fast 55.000 Quadratkilometer umfassende Gebiet ist etwa doppelt so groß wie Belgien. Außerdem verfügt es über große Kohle- und Metallerzvorkommen. Der Donbass macht etwa neun Prozent des ukrainischen Territoriums aus.

Die USA und die Ukraine unterzeichneten im Mai ein Mineralstoffabkommen, dass den USA, den Zugang zu den ukrainischen Vorkommen an seltenen Erden und anderen Rohstoffen sichert. Das ISW betont: Um den Standort zu schützen, habe die Ukraine „in den vergangenen elf Jahren Zeit, Geld und Mühe in die Verstärkung des Festungsgürtels investiert“. In der Folge hätten die russischen Streitkräfte „derzeit keine Mittel, um die Kette von Befestigungen schnell einzukesseln oder zu durchdringen“ – es würde wahrscheinlich Jahre dauern, dies zu tun.

Kampf um Pokrowsk im Ukraine-Krieg: Symbolik und Strategie im Fokus

Gegenüber dem Tagesspiegel analysierte Militärexperte Gustav Gressel die kritische Lage: Der Pokrowsk umspannende Frontbogen binde erhebliche Kräfte und lasse den Personalbestand der Armee deutlich sinken. Vor diesem Hintergrund erscheine die Verteidigung von Pokrowsk zunehmend sinnlos. Bereits im Sommer erklärte Gressel gegenüber dem ZDF, die Stadt selbst in seiner Funktion als Festungsstadt nicht mehr so wichtig wie früher. Weiter sei sie auch nicht länger ein Nachschubknotenpunkt, da die entsprechenden Transportabschnitte inzwischen in russischer Hand lägen.

Der Tagesspiegel berichtet weiter, dass hinter der Stadt längst neue Verteidigungsstellungen errichtet worden seien, auf die sich die Truppen zurückziehen könnten. Die finnische Analysefirma Black Bird Group teilt laut Tagesspiegel diese Einschätzung: Zwar gewinne Russland eine „wichtige Kreuzungsstadt“, doch: „Je mehr Zeit vergeht, desto schwieriger wird der Rückzug“, heißt es.

Der Kampf um Pokrowsk ist damit ein Duell der Symbolik: Militärexperte Gressel betont, dass Selenskyj „den moralischen Schaden“ bei einer Aufgabe der Stadt fürchtet. Zugleich sei sich auch Wladimir Putin der immensen symbolischen Bedeutung der Stadt bewusst. (Quelle: AFP, dpa, DeepState, Facebook, ISW, Bundeszentrale für politische Bildung, Tagesspiegel, Black Bird Group, ZDF) (kox)

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