Nach Angriff auf Doha

Israel macht weltweit Jagd auf Hamas: Nächstes Ziel Türkei?

Israels Angriff auf die Hamas in Doha hat Ankara in Alarmbereitschaft versetzt. Die Türkei, die als sicherer Hafen für die Hamas gilt, könnte das nächste Ziel sein.

Ankara – Die Lage im Nahen Osten eskaliert immer weiter. Am 9. September hat Israel ein Gebäude in der katarischen Hauptstadt mit einem Luftschlag angegriffen. Mindestens fünf Mitglieder der Hamas sollen dabei getötet worden sein, hieß es ersten Meldungen zufolge.

Recep Tayyip Erdoğan: Der Weg zur Macht des türkischen Präsidenten

Armut, Haft, absolute Macht: Der Sohn eines Küstenschiffers wird in einer politischen Karriere vom eifrigen Koranschüler zum absoluten Machthaber in der Türkei. Recep Tayyip Erdogans Weg kann getrost unüblich genannt werden. Aufgewachsen in einem religiösen, doch armen Vorort von Istanbul macht er als talentierter Fußballer auf sich aufmerksam. Der religiöse Vater verbietet den Traum vom Fußball und schickt ihn auf eine Religionsschule, auf welcher er ein neues Talent entdeckt. Die freie Rede ist damals eines der wichtigsten Fächer und der junge Recep macht schon damals mit seinem Redetalent auf sich aufmerksam und konnte aufgrund des ISKI-Skandals als Außenseiter Bürgermeister Istanbuls werden.
Es folgte ein großer Wahlerfolg seiner Partei bei den Parlamentsgutswahlen 2002. Zwar durfte Erdogan aufgrund eines Gedichtes, für welches er zu einem Politikverbot und einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde, nicht das Amt des Ministerpräsidenten nicht einnehmen. Dafür installierte er seinen Parteikollegen Abdullah Gül in dem Amt, welcher kurzerhand die Gesetze änderte, um das Vergehen, welches Erdogan ein Politikverbot einbrachte, umschrieb.
Nachdem Gül die Verfassungsänderung durchgebracht hatte, und eine Annullierung der Wahl in der Provinz Siirt stattfand, konnte er nachträglich als Abgeordneter ins Parlament einziehen. Somit war er erneut offiziell Politiker und in der Lage, Ämter innezuhaben. Er wurde am 12. März 2003 Ministerpräsident und Gül übernahm den Posten des Außenministers. Hier auf diesem Foto wird Erdogan als Parlamentsabgeordneter vereidigt.
Erdogan wurde am 12. März 2003 Ministerpräsident, Abdullah Gül übernahm den Posten des Außenministers. Zunächst öffnete sich die Türkei dem Westen und schuf etwa die Todesstrafe ab. Außenpolitisch verfolgte Erdogan zudem anfangs eine Annäherung an die EU, sodass ein möglicher Beitritt im Raum stand. Auch verbesserte sich das Verhältnis der Türkei zu ihren östlichen Nachbarn deutlich.
Recep Tayyip Erdoğan: Der Weg zur Macht des türkischen Präsidenten

In der Region hat der Angriff zu einem Schock geführt. „Der Staat Katar verurteilt den feigen israelischen Angriff auf Wohngebäude, in denen mehrere Mitglieder des Politbüros der Hamas in der katarischen Hauptstadt Doha leben, aufs Schärfste“, empörte sich der Sprecher des katarischen Außenministeriums. Der israelische Angriff sei kriminell, stelle einen eklatanten Verstoß gegen alle internationales Recht dar und bedrohe die Sicherheit der Einwohner Katars.

Angriff auf Hamas in Doha ruft auch Reaktionen in der Türkei hervor – Außenministerium verurteilt Israel

Auch in der Türkei hat der israelische Angriff für Verärgerung gesorgt. Das türkische Außenministerium verurteilte ebenfalls den tödlichen Angriff auf die Hamas-Funktionäre, die an den Friedensverhandlungen mit Israel teilnahmen. „Die Tatsache, dass die Hamas-Verhandlungsdelegation während der laufenden Waffenstillstandsverhandlungen angegriffen wurde, zeigt, dass Israel nicht auf Frieden, sondern auf die Fortsetzung des Krieges aus ist“, hieß es in einer Mitteilung des türkischen Außenministeriums. „Dies ist ein klarer Beweis für die expansionistische Politik Israels in der Region und dafür, dass es den Terrorismus als staatliche Politik verfolgt.“

Später meldete sich auch Präsident Recep Tayyip Erdogan auf der Online-Plattform X zu Wort. Israel habe den Terror zur Staatspolitik gemacht und mit der Aktion die Sicherheit und den Frieden unseres Schwesterlandes Katar in Gefahr gebracht. „Wir werden unsere entschlossene und zielstrebige Haltung gegenüber dem israelischen Banditentum beibehalten, das darauf abzielt, die gesamte Region in die Katastrophe zu reißen. Wir werden weiterhin den Frieden, das Völkerrecht und die Freiheit des palästinensischen Volkes um jeden Preis verteidigen.“

Israels Angriff auf die Hamas in Doha hat Ankara in Alarmbereitschaft versetzt.

Nach Angriff auf Doha – Warum Türkei wichtig für Hamas ist

Die Verärgerung in der Türkei ist verständlich. Im Dezember 2023 waren Meldungen in der Presse aufgetaucht, dass der damalige Chef des israelischen Inlandsgeheimdienstes Shin Bet, Ronen Bar, Hamas-Mitglieder in Katar und auch in der Türkei zur Strecke bringen will. Umso mehr stellt sich die Frage in der Türkei, ob der israelische Geheimdienst jetzt auch in der Türkei Hamas-Funktionäre liquidieren wird. Bislang galt das Land als sicherer Hafen für die Hamas.

Auch die israelische Wirtschaftszeitung Globes wirft die Frage auf, ob nun demnächst auch Hamas-Funktionäre in der Türkei an der Reihe seien. Schließlich sei die Türkei das „wirtschaftliche Herzstück der Hamas“, schreibt das Blatt. „Von Istanbul aus bauten Salah al-Aruri (in Beirut getötet) und Zaher Jabarin (möglicherweise nun in Doha getötet) ein Finanzimperium im Wert von über 500 Millionen Dollar auf: Investmentfonds, Firmen und Hilfsorganisationen in der Türkei, Katar, Libanon und weiteren Staaten“. Eine kuwaitisch-türkische Bank soll bei den Geldtransfers geholfen haben.

Nach Angriff auf Hamas in Doha – Experte: USA unterstützen Israel

Ähnlich sieht es auch ein Experte für internationale Beziehungen. Ceng Sagnic schrieb auf X, dass Istanbul das nächste Ziel für Israel sein könnte, um die Hamas anzugreifen – es sei denn, es werde ein dreiseitiges Verständnis zwischen Washington, Jerusalem und Ankara erreicht. „Türkische Offizielle sollten die Entschlossenheit Israels, die Hamas zu vernichten, und die Unterstützung der USA dafür nicht unterschätzen“, warnte Sagnic, der zuvor am Moshe Dayan Center an der Universität Tel Aviv geforscht hat und heute in den USA als Sicherheitsberater tätig ist.

Das Kuscheln von Erdogan mit der Hamas könnte für die Türkei teuer werden, glaubt Prof. Sinan Ciddi, der an der Marine Corps University (MCU) in den USA lehrt. „Erdogan und Co. hatten buchstäblich Jahre Zeit, die Hamas fallen zu lassen – verdammt, sogar die Arabische Liga verurteilt ihre Aktionen und ist das einzige NATO-Land, das sie unterstützt“, so Ciddi. Allerdings ist zu bedenken, dass die Türkei ein Nato-Land ist und somit unter dem Schutzschirm des westlichen Verteidigungsbündnisses steht. Die Statuen dessen sagen, dass ein Angriff auf ein Mitglied als ein Angriff auf alle anzusehen ist. Ob die Nato in dem Fall auf der Seite der Türkei stehen wird, wird sich zeigen müssen.

Nach Angriff auf Hamas in Doha – Türkische Medien schimpfen über „Zionisten“

In den türkischen Medien wird das Thema im großen Stil behandelt. „Die niederträchtigen Zionisten haben offen verkündet, welche türkische Stadt Israel angreifen wird“, titelte die islamistische Yeni Akit. Ähnlich sah es auch die regierungsnahe Sabah. „Die Zionisten, die die USA im Rücken haben, sind nach dem Angriff auf Doha außer Kontrolle geraten: Das nächste Ziel ist die Türkei und Erdoğan!“

In der Türkei wird man daher angesichts möglicher Operationen Israels vorsichtig sein. „Israel, der einzige jüdische Staat der Welt und die einzige Demokratie im Nahen Osten, führt einen Existenzkampf gegen extremistische Feinde, die seine Vernichtung anstreben. Die internationale Gemeinschaft muss Israel in diesem Kampf unterstützen“, ließ der israelische Außenminister Gideon Saar mitteilen. Das bedeutet, dass Israel offenbar weiterhin Hamas-Funktionäre im Ausland töten wird. (Quellen: X, Globes, Yeni Akit, eigene Recherche) (erpe)

Rubriklistenbild: © dpa/Bernd von Jutrczenka

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