Ukraine-Krieg erreicht Putins Bühne
Angst vor Ukraine-Angriff: Sagt Putin die Siegesparade am 9. Mai ab?
In Moskau wachsen die Zweifel an Putins wichtigster Machtdemonstration. Offiziell läuft die Vorbereitung – doch neue Angriffe nähren die Nervosität.
Noch ist es nur ein Szenario. Doch ausgerechnet vor Russlands wichtigstem Propaganda-Termin in Zeiten des Ukraine-Kriegs wächst im Machtzentrum des Kremls die Unruhe. Hintergrund sind Berichte, wonach die traditionelle Siegesparade am 9. Mai in Moskau und St. Petersburg wegen der Gefahr ukrainischer Langstreckenangriffe verkleinert, verschoben oder im Extremfall sogar abgesagt werden könnte.
Offiziell bestätigt ist das nicht. Kremlsprecher Dmitri Peskow wich einer klaren Antwort aus und sagte nur: „Wir bereiten uns auf die Feier des Tags des Sieges vor.“ Die Formulierung wirkt knapp, aber bemerkenswert defensiv, weil sie die Gerüchte nicht wirklich ausräumt, sondern nur die laufenden Vorbereitungen betont, wie die Kyiv Post berichtet.
Ukraine-Krieg und Siegesparade in Moskau: Warum der 9. Mai für Putin so heikel ist
Der 9. Mai ist für Russland weit mehr als ein Gedenktag. Das Datum markiert für den Kreml den Sieg der Sowjetunion über Nazi-Deutschland und gilt seit Jahren als zentrale Bühne für militärische Stärke, patriotische Geschlossenheit und staatliche Kontrolle. 2025 inszenierte Russland die 80. Wiederkehr mit einer großen Parade in Moskau. Zugleich ist seit Beginn des Ukraine-Kriegs zu sehen, dass Umfang und Symbolik der Aufmärsche politisch besonders aufgeladen sind.
Genau deshalb wäre schon ein Luftalarm über dem Roten Platz ein schwerer Schlag. Ein Abbruch der Live-Übertragung, panische Menschen in Deckung oder Sicherheitskräfte, die den Platz räumen, würden das Bild von Stabilität und Unverwundbarkeit zerstören, das Wladimir Putin an diesem Tag unbedingt senden will. Diese Sorge schildern prorussische Militärblogger laut Kyiv Post und The Moscow Times inzwischen ganz offen.
Schatten aus Stahl an der Front: Panzer gestern, heute und morgen




Ukraine-Drohnen erhöhen den Druck auf Moskau deutlich
Die Nervosität kommt nicht aus dem Nichts. Reuters berichtete bereits Anfang Januar, dass Russland nach eigenen Angaben an jedem Tag des neuen Jahres Drohnenangriffe auf Moskau registriert habe. Allein bis Mitternacht des 4. Januar seien nach russischen Angaben 57 Drohnen über der Region Moskau abgeschossen worden, Flughäfen rund um die Hauptstadt mussten den Betrieb zeitweise einschränken.
Auch im Februar und März riss die Serie nicht ab. Reuters meldete am 22. Februar Flugbeschränkungen an vier Moskauer Flughäfen nach einem erneuten Angriff. Am 26. Februar sprach Moskaus Bürgermeister Sergei Sobjanin von 27 abgefangenen Drohnen auf dem Weg zur Stadt, am 14. März von 65 und am 16. März von insgesamt rund 250 Drohnen binnen zwei Tagen im Anflug auf Moskau.
Damit ist die Bedrohung für Großveranstaltungen in Moskau längst nicht mehr theoretisch. Gerade weil Russland diese Zahlen selbst veröffentlicht, zeigen sie, wie ernst die Lage im Sicherheitsapparat genommen wird. Der Kreml muss inzwischen damit kalkulieren, dass selbst ohne erfolgreichen Treffer schon die Störung eines solchen Großereignisses politisch verheerend wäre.
Ukraine mit technischem Fortschritt: Welche Waffen Moskau erreichen könnten
Belastbar belegt ist vor allem eines: Die Ukraine hat ihre Reichweite deutlich ausgebaut. Die Associated Press berichtet, dass ukrainische Langstreckendrohnen inzwischen Ziele in einem Radius von rund 1000 Kilometern zur Grenze „routinehaft“ treffen. Reuters schrieb zudem im November 2025, der ukrainische „Long Neptune“ habe eine Reichweite von rund 1.000 Kilometern, für das System „Bars“ wurden in derselben Übersicht Schätzungen von etwa 700 bis 800 Kilometern genannt.
Für Moskau ist das entscheidend, weil die Hauptstadt je nach Bezugspunkt grob rund 450 bis gut 500 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt liegt. Damit liegen Moskau und das Moskauer Umland klar im Bereich ukrainischer Langstreckendrohnen und nach den vorliegenden Berichten auch im Bereich einzelner ukrainischer Marschflugkörper. Für St. Petersburg ist die Lage komplizierter: Die Stadt liegt deutlich weiter entfernt, grob bei knapp 900 Kilometern zur ukrainischen Grenze, sodass dort stark vom tatsächlich eingesetzten System, vom Abschusspunkt und von der realen statt behaupteten Reichweite abhängt, was erreichbar ist.
Reichweitencheck: Welche ukrainischen Waffen Moskau und St. Petersburg erreichen können
| System / Waffentyp | Gemeldete Reichweite | Moskau erreichbar? | St. Petersburg erreichbar? |
|---|---|---|---|
| US‑ATACMS | bis zu 300 km | Nein | Nein |
| Langstreckendrohnen | bis etwa 1.000 km | Ja, grundsätzlich | Eher grenzwertig / je nach Startpunkt |
| Long Neptune | rund 1.000 km | Ja | Eher theoretisch / je nach Startpunkt |
| Bars | etwa 700–800 km | Ja, grundsätzlich | Nein bzw. nur in Sonderfällen |
(Quellen: Reuters, ZDFheute, Deutschlandfunk, Associated Press)
Ukraine-Krieg: Kreml fürchtet Imageschaden mehr als einen Volltreffer
Hinzu kommt ein zweiter Faktor: Selbst wenn kein Geschoss durchkäme, wäre schon die Störung der Inszenierung ein Erfolg für Kiew. Russische Kriegsblogger formulieren genau dieses Argument mittlerweile selbst. Einer von ihnen, Ilja Tumanow, warnt laut Kyiv Post und UNITED24 Media sinngemäß davor, dass schon eine Raketenwarnung während des Kommandos „Parade, stillgestanden!“ ein massiver medialer Schlag wäre – auch dann, wenn nichts einschlägt.
Zusätzliche Unruhe lösten Berichte über mögliche Änderungen an den Vorbereitungen aus. Mehrere Medien, etwa die Kyiv Post, meldeten unter Verweis auf prorussische Kanäle, eine für den 5. April geplante Bodenprobe sei abrupt gestoppt worden, die beteiligten Soldaten seien bis auf Weiteres zu ihren Standorten zurückgeschickt worden. Unabhängig bestätigt ist das bislang nicht.
Eine offizielle Absage der Parade gibt es damit weiter nicht. Doch schon die Debatte darüber ist ein politisches Problem für Putin. Der 9. Mai soll Stärke, Kontrolle und historische Größe inszenieren. Muss der Kreml dieses Ritual aus Angst vor ukrainischen Angriffen verkleinern, verschieben oder sogar absagen, wäre das bereits ohne Einschlag ein symbolischer Rückschlag für den russischen Präsidenten. (Quellen: Reuters, Associated Press, The Moscow Times, Kyiv Post, UNITED24 Media) (chnnn)
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