Die „Emscher Dickköpfe“

In NRW lebten einst Wildpferde – doch vor mehr als 150 Jahren starben sie aus

Im Emscherbruch in der Nähe von Herne lebten einst Wildpferde. Sie sind seit mehr als 150 Jahren ausgestorben. Sie haben die Region bis heute geprägt.

Herne – Vielleicht wäre ohne die Emscherbrücher Dickköpfe alles anders gelaufen. Dann würde es in Herne heute womöglich keine Cranger Kirmes geben. Keine Fritz-Pins mit Grubenpferd-Motiv, kein Stadtwappen-Tier mit vier Hufen. Denn die Wildpferderasse besiedelte mehr als 500 Jahre einen Landstreifen mitten im Ruhrgebiet. Heute sind die Tiere ausgestorben. Doch in der Region haben sie ihre Spuren hinterlassen.

In NRW lebten einst Wildpferde – vor mehr als 150 Jahren starben sie aber aus

Wie das Stadtmagazin für Herne berichtet, lebten die Wildpferde in einem Stück Natur zwischen Bottrop, Gelsenkirchen, Recklinghausen, Herten, Herne und Castrop, dem sogenannten Emscherbruch. Bei den Gelsenkirchener Geschichten, eine interaktive Spurensammlung zur Geschichte der Region, heißt es, dass diese Fläche etwa 10.000 Hektar groß war: 25 Kilometer lang, sechs Kilometer breit. Dort gab es Eichenwälder, ein paar Buchen und Wacholdersträuchen – „optimale Lebensbedingungen für diese wildlebende Pferdeart.“

NameEmscherbrücher/Emscherbrücher Dickkopp
UrsprungDeutschland
AusbreitungEmscherbruch bei Herne
Schulterhöhe (Stockmaß)bis 135 Zentimeter
Gewicht300 Kilogramm
Lebensform wild
Einsatz in domestizierter FormZug- und Reitpferd, Grubenpferd
Verbreitungin Dülmener Wildpferde überführt
Ausgestorben seitMitte des 19. Jahrhunderts

Die Emscherbrücher hatten eine Schulterhöhe, auch „Stockmaß“ genannt, von 1,35 Metern und wogen rund 300 Kilogramm. Damit waren die Wildpferde aus dem Ruhrgebiet ungefähr so groß und so schwer wie ein durchschnittliches Islandpferd. Das geht aus einer Übersicht des Pferdemagazins Cavallo hervor. Die Merkmale der Tiere waren kurze Ohren und ein herabhängender behaarter Schweif. Nicht selten paarte sich die Rasse aber auch mit anderen Pferdearten. Wie die Gelsenkirchener Geschichten berichten, geschah das besonders häufig zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges.

Kavalleriepferde, die ihren Reiter in einem Gefecht verloren hatten, verwilderten demnach sich selten und schlossen sich den Herden der Emscherbrücher an. Dadurch bekamen die ihre dunkelbraune bis schwarze Farbe. Durch Kreuzungen mit anderen Pferdearten wurden die Emscherbrücher mit der Zeit etwas größer, bekamen stärkere Beine und Schultern – nur der Hals wurde mit der Zeit etwas dünner.

In Dülmen lebt heute noch eine Herde Wildpferde.

Cranger Kirmes in Herne ging aus einem Pferdemarkt für Wildpferde hervpr

Wenn die Tiere einmal gefangen und domestiziert wurden, waren sie „gute Gebrauchspferde“, heißt es bei den Gelsenkirchener Geschichten. Sie zogen Kutschen, wurden zur Jagd oder als Sportpferde genutzt und galten als „hervorragende Springer“. Auch als Grubenpferde in den Bergwerken kamen sie zum Einsatz. Die Menschen fingen die wilden Tiere damals bei Treibjagen ein, an denen mitunter das ganze Dorf beteiligt war. Manchmal waren auch einzelne Personen auf der Jagd, die die Wildpferde mit einem Lasso einfingen.

Die Emscherbrücher Dickköppe haben sich mit den Dülmener Wildpferden vermischt.

Die Emscherbrücher Dickköppe

Die Wildpferde lebten in Gruppen mit bis zu 20 Stuten und einem Hengst zusammen. In Monaten, in denen die Nahrung knapp war, versorgten die Menschen die Tiere mit Futter. Sie brachten ihnen Heu oder Klee zu den Futterstellen in den Wäldern. Bei Wildbeständen ist das auch heute noch üblich. (Quelle: Gelsenkirchener Geschichten — Spurensammlung zur Gelsenkirchener Geschichte)

Waren die Tiere einmal gebändigt, verkaufte man sie nicht selten auf einem Pferdemarkt. Einer davon war in Crange, einem Stadtteil von Herne. Daraus ging letztendlich die Cranger Kirmes hervor, eines der beliebtesten Volksfeste in Deutschland. Der Cranger Pferdemarkt wurde zum ersten Mal im Jahr 1441 urkundlich erwähnt und fand demnach immer um den Laurentiustag am 10. August statt, heißt es bei den Gelsenkirchener Geschichten.

Emscherbrücher Dickköppe: Deswegen sind sie Mitte des 19. Jahrhundert ausgestorben

Und so haben die Emscherbrücher Dickköppe auch an anderen Stellen in Herne ihre Spuren hinterlassen. Das Maskottchen der Cranger Kirmes ist ein Grubenpferd dieser Pferderasse und auch im Stadtwappen von Herne ist es zu sehen. Dass die Tiere auch über ihren Tod hinaus geehrt werden, ist im Ruhrgebiet nicht ungewöhnlich. So gibt es in Gelsenkirchen ein eigenes Denkmal nur für ein Pferd. Von der Erde verschwanden die Emscherbrücher Dickköppe zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Das lag zum einen französischen Forstorganisationsdekret, das besagte, dass Wildpferde nicht mehr wild weiden durften und von einem Hirten bewacht werden mussten.

Zum anderen entstanden zu dieser Zeit an der Emscher die ersten Papiermühlen – Vorboten der Industrialisierung sozusagen. Die verschmutzten das Wasser des Flusses und damit einen wichtigen Lebensraum der Pferde. Ein Teil der letzten Emscherbrücher Dickköpoe wurden um 1840 ins Merfelder Bruch nach Dülmen gebracht, wo sie sich mit den dort lebenden Wildpferden vermischten. (ebu)

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