Reisereportage
Küstenort der Gegensätze: Mit der Bahn in wenigen Stunden an Hollands Nordseeküste
Für Menschen in vielen Regionen Deutschlands ist der Weg in den holländischen Küstenort Zandvoort aan Zee unweit von Amsterdam der schnellste zur Nordsee.
Wenn alles gut läuft – was bösen Stimmen zufolge bei den Verspätungsraten der Deutschen Bahn so eine Sache ist – liegt der Streckenrekord zwischen Frankfurt am Main und dem niederländischen Küstenort Zandvoort aan Zee bei knapp vier Stunden und 40 Minuten. Von einem der wuseligsten Bahnhöfe Deutschlands zu einem einzelnen Bahnsteig, der keine 300 Meter Luftlinie von der Nordseeküste entfernt liegt. Sechs Minuten – maximal zehn – zu Fuß bis zum Erstkontakt mit dem Strand und der Weite der Nordsee.
Gerade im Vergleich mit so mancher Nordsee-Destination in Deutschland ist die Strecke, die durch Hessen und Nordrhein-Westfalen, über die niederländische Grenze und dann über Arnheim, Utrecht und Umstieg in Amsterdam in die 17.000-Einwohner-Gemeinde führt, beachtlich. Über Hamburg nach Sylt braucht man minimal siebeneinhalb Stunden, nach Norddeich selbst auf direktem Weg mit dem IC über sechseinhalb, von Deutschlands anderen Lieblingsinseln wie Amrum oder Norderney, für die man noch Zeit für eine Überfahrt per Fähre einplanen muss, ganz zu schweigen… Noch immer steigt ein Großteil der Reisenden darum für den Nordseeurlaub lieber ins Auto als in die Bahn.
Nachhaltig Richtung Nordsee: Anreise nach Zandvoort per Bahn, unterwegs mit dem Rad
Dabei kann so eine Reise – wenn alles gut läuft – auch ganz entspannt vonstattengehen. Mit Kaffee und Croissant im ICE-Bordbistro sitzen und beobachten, wie die grünen, flachen Landschaften Westdeutschlands vorbeiziehen, bevor auf niederländischer Seite nach über drei Stunden die ersten Windmühlen und Wasserläufe ins Blickfeld kommen. Kurzer Umstieg in Amsterdam Centraal und der Regionalzug über Haarlem übernimmt den Rest der Strecke in den nordholländischen Urlaubsort, dessen Kern die traditionellen steinernen Fischerhäuser prägen.
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Wer aus Großstädten wie Frankfurt, oder Köln, Duisburg oder Amsterdam in dieses Idyll gespült wird, kommt fast unweigerlich direkt nach der Ankunft und dem Abstellen des Gepäcks auf die Idee, den nachhaltigen Urlaubsgedanken auf die Spitze zu treiben und sich für den Rest des langen Wochenendes ein Rad zu mieten. Landestypisch unterwegs sein, Fahrtwind und, mit etwas Pech, auch mal ein bisschen Sprühregen auf der Haut spüren, gehört zum Nordseefeeling ja auch irgendwie dazu. Und Fahrradverleih-Stationen gibt es – so wie man es von einem holländischen Urlaubsort erwartet – reichlich.
Zwischen Naturidyll und Massentourismus: Gegensätze im Küstenort Zandvoort
Dabei mag es ein wenig Typfrage sein, wie es mit dem Urlaub in Zandvoort dann weitergeht. Denn dass die Küstengemeinde zum Ort der Gegensätze taugt, wird in etwa ähnlich schnell offensichtlich, wie die Vielzahl an „Fiets”-Verleihstationen, an denen man neben den klassischen Drei-Gänge-Cruisern, die für die flachen Landschaften völlig ausreichen, inzwischen auch standardmäßig E-Bikes findet. Da trifft Naturidyll auf Massentourismus, kreative Umweltschutzmaßnahmen wie der prominent platzierte „Beach Cleanup”-Container am Strand treffen auf die Motorengeräusche von der 1948 mitten in den Dünen eröffneten Rennstrecke. Und wenn ein Einheimischer augenzwinkernd anmerkt, dass Zandvoort im Vergleich zu anderen Urlaubsorten an der Küste seine malerischsten Ecken ja eher im Ortskern als am Meer selbst hätte, geben ihm die Nachkriegshochhäuser, die einem beim Sonnenuntergang-Gucken am Strand glücklicherweise im Rücken liegen, zumindest nicht ganz unrecht.
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Dabei führen Zandvoorts Stärken – die gute Erreichbarkeit, die Lage unweit der Hauptstadt, die touristische Infrastruktur und die Vielzahl der Erlebnisse – gerade in der Hauptsaison auch zu seiner größten Schwäche. Was in Amsterdam längst unverhohlen als Overtourism bezeichnet wird, hinterlässt auch an dem Ort, der genau wegen des Hauptstadt-Hypes kurzerhand als „Amsterdam Beach” umdeklariert wurde, seine Spuren. Was man sich als jemand, der hier nach Natur und Auszeitmomenten sucht, nur schwer vorstellen kann: Dass Motorsport-Großevents mehrere Male im Jahr um die 100.000 Fans lediglich als Tagesbesucher hierher locken.
Bahnreise an die Nordsee: Beim Strandspaziergang für den Umweltschutz einsetzen
Die gute Nachricht: In der Nebensaison kann beim Bahnreise-Experiment an die niederländische Küste von Touristenmassen nicht die Rede sein. Auf der Rennstrecke macht gerade einmal eine kleine Zahl Hobbyfahrer Krach, im Casino erlebt man beim Ausprobieren des eigens für Neulinge konzipierten Starterkits der Betreiberfirma Holland Casino einen spaßigen Abend und auch beim Müllsammeln mit dem Team um Haitske Schiere vom „Beach Cleanup”-Anbieter Juttersgeluk kommt man nach zwei Stunden Strandspaziergang zwar nicht ganz ohne Ausbeute nach Hause, hat aber auch nicht das Gefühl, gegen die Windmühlen des Overtourism gekämpft zu haben.
Die Nonprofit-Organisation, die am Strand einen Schiffs-Container als Basis aufgestellt hat und im Ortszentrum einen Laden betreibt, gibt es seit etwas über acht Jahren. Ihre Mission: Aufklären, die Menschen dazu bringen, Müll zu vermeiden und bei geführten „Beach-Cleanup”-Touren mit Privatreisenden und Unternehmensgruppen all das aufzulesen, was unermüdlich von Wellen und rücksichtslosen Urlaubsgästen an den Strand gespült wird.
Plastikteile in allen Farben und Formen, Kronkorken, Zigarettenkippen, Glasscherben sind die Dinge, die sich im Alltag hier besonders oft finden und nach zwei Stunden auch unsere Eimer unter dem pfiffigen Windschutz-Käppchen aus Stoff gefüllt haben. Das Ganze wird im Anschluss sortiert und teilweise sogar weiterverarbeitet. Wer mag, nimmt als Souvenir Schmuck, Seifenschale oder Blumentopf mit nach Hause, neben den Erinnerungen an einen Strandspaziergang, der mit dem Verschwinden von mehr und mehr Müll umso schöner geworden ist.
Unterkünfte in Zandvoort
Was vielseitige Übernachtungsmöglichkeiten in verschiedenen Preisklassen unweit vom Strand oder direkt im Ortszentrum angeht, gibt es in dem beliebten Urlaubsort eine große Auswahl. Aussichtsreich mit Blick aufs Meer aufwachen können Reisende etwa im Beachhouse Hotel oder in den Lodges im Ferienpark Roompot. Auch hinter bildhübschen traditionellen Häuserfassaden im Ortskern liegen oft charmante Unterkünfte wie das Margretha Boutique-Hotel oder das Hotel at Sea. Auch wer in Zandvoort eine Nordsee-Auszeit für kleineres Budget sucht, wird problemlos fündig. Zu den günstigeren Optionen gehören ebenfalls in Top-Lage etwa das Hotel Amsterdam Beach sowie etliche privat angebotene Ferienwohnungen.
Nordsee-Gemeinde Zandvoort: Zwischen Hauptstadt, Nationalpark und Naturschutzgebiet
Dass es dem Küstenort trotz zunehmendem Zulauf an Reisenden nicht an herrlichen Flecken in der Natur mangelt, dafür sorgen neben dem Strand auch zwei große Naturschutzgebiete je im Norden und Süden des Orts. Und während der im Norden gelegene Nationalpark Zuid-Kennemerland ein klassisches Dünen-Paradies mit kilometerlangen Rad- und Wanderwegen ist, wie man es ähnlich auch an der deutschen Nordseeküste vermuten würde, hat das südlich von Zandvoort gelegene Gebiet Amsterdamse Waterleidingduinen sogar noch ein paar mehr Besonderheiten im Gepäck. Abermals geht’s für die Anreise ganz einfach aufs Rad, das einen in Windeseile aus dem Ort hinaus und rein in die Natur bringt.
Hier wirken all die Dinge, für die man von Zandvoort bislang gesehen hat, dann plötzlich ganz weit weg. Statt den Ocker-Tönen an Strand und Dünen dominiert hier auch im Frühherbst noch sattes Grün, statt Möwen und Seehunden kann man mit Glück Damwild und Füchse in freier Wildbahn beobachten und die namensgebenden Amsterdamer Wasserleitungsdünen ziehen sich wie blaue Bänder durch die Landschaft. Dazu kommen als weitere Besonderheit Dutzende alte Weltkriegsbunker, an denen sich gut erkennen lässt, wie sich die Natur Menschengemachtes auch irgendwie zurückholen kann.
Charmantes Erbe in Zandvoort: Wie das ehemalige Fischerdorf seine Traditionen aufrechterhält
Zurück in Zandvoort zeigt sich aber auch, dass Menschengemachtes nicht zwingend negativ behaftet sein muss, wenn man durch die hübschen engen Gassen, genannt Sloppies, durch die Geschichte der Gemeinde spaziert. Heute prägen die Stadt niedrige steinerne Einfamilienhäuser, die meisten geweißelt, viele mit moderner Street Art und traditionellen Motiven versehen. Doch angefangen habe hier alles mit Häusern aus Treibholz, erzählt Guide Bram Molenaar, dessen Familiengeschichte seit Generationen mit Zandvoort verbunden ist. Er selbst vermarktet sich als „Klima-Pirat”, bietet nachhaltige Zandvoort-Führungen an und biegt mit der Gruppe vor dem Strandabstecher nochmal kurz in den Ortskern ab, um uns einige seiner Lieblingsläden vorzustellen.
Denn für Bram, der aus einer Gastronomenfamilie stammt, ist sein Heimatort in erster Linie auch mit Genuss verbunden und damit auch mit Menschen wie Metzgermeister Joey, der im Ortskern erst seit einigen Jahren die Slagerij de Halte betreibt und – wenn man Bram glauben darf – zu den besten in der Region zählt. Von hier könnte man allein auf der zentralen Haltestraat noch eine Weile weitermachen mit der Schlemmerei und einen Abstecher zum Käseladen Kaashoek einlegen oder zur Patisserie Chocolaterie Zandvoort zum Testen der ikonischen Emma-Plak, einer für Zandvoort typischen Tortenkreation. Oder man biegt eben doch langsam wieder ab Richtung Meer und setzt sich für einen letzten Abstecher vor der Heimfahrt zu Matjes, Lachs und Gewürzgurken in einen der wenigen Strandpavillons, die für die Nebensaison stehen geblieben sind, wenn viele andere abgebaut und über Winter eingelagert wurden.
Bahnreise an die Nordsee: In unter fünf Stunden aus dem Westen Deutschlands
Was am Ende aus dem Bahnreise-Test und dem Streckenrekord geworden ist? Auf der Hinfahrt waren es eben doch fünfeinhalb Stunden, was nicht der im speziellen Fall pünktlichen Deutschen Bahn geschuldet war, sondern einem technischen Problem auf niederländischer Seite auf halber Strecke nach Zandvoort. Die Rückfahrt mit etwas längerem Zwischenhalt in Amsterdam war zwar planmäßig nicht ganz so fix, aber dennoch pünktlich und die Vorräte des Bordbistros aufgestockt. Was bedeutet, dass die Fahrten ans Meer und zurück in die Mainmetropole wirklich das Potenzial haben, den nachhaltigen Kurztrip an die Nordsee denkbar unkompliziert zu gestalten.
Und Zandvoort? Ist vielleicht nicht für jeden Geschmack, aber vielseitig genug, um auch denen, die vielleicht nicht neues Stammpublikum werden, für ein paar Tage eine gute Zeit zu versprechen. Zwischen Fischertradition und frischen Ideen, die „Amsterdam Beach” dann eben doch zu mehr machen als dem Hauptstadtvorort am Meer.
Die Recherche wurde unterstützt von Visit Zandvoort.
Rubriklistenbild: © Sandra Kathe





