Reisereportage
Typisch Texel: Was einen Urlaub auf der westfriesischen Insel besonders macht
Die größte niederländische Nordseeinsel Texel erfüllt so manches Klischee – und wächst trotzdem nicht selten über die Erwartungen ihrer Besucher hinaus.
Der neueste Schrei auf den Straßen und Radwegen der Insel kommt auf den ersten Blick daher wie eine Harley, ist aber tatsächlich nichts anderes als ein besonders clever verkleideter Scooter. Maximal 25 km/h schnell, angetrieben von einem leise brummenden Elektromotor, gerade so führerscheinpflichtig, und im Gegensatz zum optischen Vorbild dennoch völlig im Einklang zum Naturidyll ringsum. Denn zwischen den Naturgeräuschen entlang von Weiden, Wiesen und Dünen wäre das Knattern und Dröhnen bei aller Easy-Rider-Romantik ja doch irgendwie fehl am Platz.
Denn auf Texel, der größten der westfriesischen Inseln, wird recht schnell offensichtlich, dass wer eine Reise hierher plant, aufs Auto eigentlich getrost verzichten kann. Das Küstenstädtchen Den Helder, von dem aus die Fähre im regelmäßigen Takt auf die Insel übersetzt, erreicht man bequem mit dem Zug, der Bus, der Reisende vom Bahnhof bringt, ist komplett kostenlos und die Überfahrt für zwei Fußgänger mit 5 Euro hin und zurück günstiger als so manches Ticket für öffentliche Verkehrsmittel in einer deutschen Großstadt. Auch auf der Insel fahren Linienbusse und Transporter mit dem Namen „Texelhopper”. Komplett autofrei, wie so manche kleinere Insel, ist Texel allein schon wegen der über 13.000 Einwohner nicht – doch selbst von denen setzen im Alltag viele aufs Rad.
Ohne Auto im Urlaub auf Texel: Kurze Wege und schöne Landschaften
Und auch für Reisende sorgen auf der Insel ein bestens ausgebautes Wegenetz aus Radwegen und Verleihstationen an jeder Ecke dafür, dass man so schnell von A nach B gelangt, wie es im Urlaub eben sein muss. Knapp 25 Kilometer liegen zwischen dem Fischerdorf T’ Horntje am südlichen Ende der Insel und dem Leuchtturm am nördlichen, zwischen den Inselorten De Koog und Oudeschild im Westen und Osten sind es gerade einmal 10 Kilometer und keine Dreiviertelstunde Radweg. Der Hauptort der Insel, Den Burg, mit seinen 7.000 Einwohnern liegt auf etwa halbem Weg mittendrin.
Wobei man direkt beim ersten Holland-Klischee wäre – dem unangefochtenen Radler-Paradies, das sich in den Niederlanden einmal quer übers ganze Land erstreckt und dafür sorgt, dass es angeblich um die fünf Millionen mehr „Fietsen” als Menschen geben soll. Viele Niederländer legen alle oder zumindest einen Großteil ihrer Strecken mit dem Rad zurück und das merkt man auch den Bedingungen auf den vielseitigen Radwegen der Insel an. Breite Fahrstreifen, glatte Oberfläche, herrliche Naturlandschaften. Das mit dem Entschleunigen auf Texel funktioniert tatsächlich kaum irgendwie so gut wie im Sattel – auch wenn so mancher an Chopper oder Harley erinnert, aber ohne ein paar Überraschungen wären Urlaubsorte wie Texel, wo viele Gäste immer wieder herkommen, ja auch irgendwie ein bisschen langweilig.
Tourismus-Jubiläum auf Texel: Urlaubsziel seit über 125 Jahren
Zu den weiteren Klischees hier zählen etwa die weiten Nordseestrände mit ihren Strandhütten, die zahllosen Schafe, von denen es auf der Insel womöglich sogar mehr gibt als Fahrräder, die kulinarische Bedeutung des Themas Fisch und die heimische Fauna, die neben etlichen Vogelarten vor allem von Seehunden und Robben geprägt ist. Dass sie alle ausgerechnet hier bei Tagesgästen und Reisenden so anziehend wirken, liegt sicher auch an einem – irgendwie überraschenden – Jubiläum.
Denn Texel und der Tourismus – das lernt man zumindest im Jubiläumsjahr 2023 beim Besuch im Büro des Tourismusverbands VVV Texel in Den Burg – schreiben bereits seit 125 Jahren eine recht bewegte gemeinsame Geschichte. Bereits vor 1898 strömten wohlhabende Badegäste auf die Insel, 1899 entstand unter dem frisch gegründeten Tourismusverband der erste Reiseführer, in dem es hieß, Texel sei „vor allem im Sommer“ ein perfekter Ort für all jene, „die für kurze oder längere Zeit der Hektik der Stadt entkommen“ wollten. Keine 30 Jahre später bezeichnete der niederländische Naturschützer Jac. P. Thijsse Texel als das „ornotologische El Dorado Hollands“.
Schafe auf Texel: Lämmerstreicheln als Balsam für die Seele
Heute sind die Attraktionen für Touristen ausgefallener als Baden und Vögel beobachten, der Einfallsreichtum lokaler Unternehmen spielt aktiv mit den vielen Bildern, die Gäste im Kopf haben, wenn sie an Texel denken. Und macht dann in vielen Fällen einfach was Neues daraus. Da wäre etwa das Klischee einer Insel, deren Wiesen, Felder und Deiche vor lauter tierischer Bewohner stellenweise wie weiß getupft daherkommt und die noch dazu fantastischen Schafskäse produziert. So weit, so richtig. Doch die Schafe auf Texel sind über die letzten Jahre weitaus mehr geworden als Milchlieferanten und unbestreitbar süße Fotomotive.
Das beste Beispiel dafür findet sich bei einem Abstecher aufs Gelände der Schapenboerderij Texel südlich von Den Burg, einem historischen Schafhof. Dass dessen heutige Betreiber ihm in den vergangenen Jahrzehnten eine Verjüngungskur verpasst haben, dafür sorgen auch die über 600 tierischen Bewohner des großen Geländes, darunter 25 Schafrassen vom einheimischen Texel-Schaf bis zum besonders flauschigen Merino-Schaf. Der Unterschied zwischen der Schapenboerderij und gewöhnlichen Schafhöfen mit Hofläden und Gästezimmern für Urlaub auf dem Bauernhof ist die Hauptattraktion, für die vor allem Familien hierherkommen: Kuscheleinheiten mit den Tieren, was auf Niederländisch den klingenden Namen „Lammetjes knuffelen” trägt.
Wellness auf der Nordseeinsel Texel: In Schafwolle entspannen
Denn Lämmer gibt es auf dem Hof das ganze Jahr über, vor allem im Frühjahr sind Jungtiere hier überall – und mit Glück sogar die ein oder andere Geburt zu beobachten. Gemeinsam mit den Muttertieren teilen sich hier meist ein bis zwei Kleine einen der kleinen Ställe, wo sie sich hier auch mal zurückziehen können, wenn sie vom menschlichen Kontakt genug haben.
Ebenfalls einen kreativen Ansatz zum Thema Schafe hat das Boutique Hotel Texel im Norden der Insel gefunden, das in seinem Spa-Bereich ein „Woolness-Programm” anbietet. Dabei erwartet die Gäste neben klassischen Spa-Behandlungen von Massage bis Maniküre auch ein Bad in kuscheliger Schafwolle. Das soll mit Wärme und Gemütlichkeit nicht nur Körper und Geist beleben – das in der Wolle enthaltene Wollwachs regt auch die Heilung von verletzten oder strapazierten Hautstellen an.
Rund 45.000 Gästebetten
Mit Hinblick auf zahlreiche Orte, die mit teils drohendem, teils tatsächlichem Overtourism kämpfen – die niederländische Hauptstadt Amsterdam oder deutsche Inseln wie Sylt, zum Beispiel – gilt auf Texel ein Maximum von 45.000 Gästebetten, was dennoch dem mehr als Dreifachen der Inselbevölkerung entspricht. Gewohnt werden kann neben Ferienwohnungen in Bauernhöfen und Privathäusern auch in Glamping-Zelten (z.B. Texel Yurts), in Ferienparks (z.B. Park Duynzoom) oder in zahlreichen Hotels (z.B. Hotel Kogerstaete)
Reiseziel in den Niederlanden: Robben und Seehunde auf Texel
Tierische Gründe, Texel einen Besuch abzustatten, gibt es aber auch in Form von Wildtieren eine Menge, auch wenn bei Kegelrobben und Seehunden im Gegensatz zu den kuscheligen Schäfchen respektvoller Abstand ein absolutes Muss ist. Denn die lassen sich nicht nur auf den – nächstes Klischee – Seehundbänken sehen, denen man nur auf Boots- und Zodiac-Touren nahekommen kann, sondern verirren sich auch immer mal wieder an die Strände der Insel, wo Mensch und Hund vor allem Jungtieren nicht selten gefährlich nahekommen.
Nicht nur in solchen Fällen kommt es immer wieder vor, dass verletzte Tiere ein Fall für Seehundjäger werden, die entgegen ihrer eigenartig archaischen Berufsbezeichnung für den Tierschutz auf der Insel im Einsatz sind und nach Meldung eines verletzten Tieres zu dessen Rettung ausschwärmen. Im Gegensatz zu anderen Orten, müssen ihre Schützlinge hier nicht erst lange ans Festland gebracht werden, weil zum zentral gelegenen Naturmuseum Ecomare auch eine bestens ausgestattete Aufzuchtstation gehört, die ihre Arbeit mit den durchschnittlich hundert hilfsbedürftigen Tieren pro Jahr für Gäste ausgesprochen transparent macht.
So führen nicht nur Schilder durch die Bereiche der Schutzstation, vom Quarantäneflügel bis hin zu den Außenbecken, die die Tiere auf ihre Rückkehr in die Wildnis vorbereiten sollen. Auch Informationen zu den Schützlingen gibt es reichlich. In einem Bereich der Schutzstation etwa warten die vor vier bis sieben Wochen gefundenen Kegelrobben Adam, Charlotte, Eva und Puck wahrscheinlich nur noch wenige Tage auf ihre Rückkehr ins Wasser der Nordsee. Dokumentiert sind neben dem Grund ihrer Aufnahme auch die Fundorte auf der Insel.
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Warnung vor Müll in der Nordsee: Mit kreativen Ideen zu mehr Naturschutz
Dass tierische Meeresbewohner wie sie mehr und mehr in Gefahr schweben, erzählt auch der drinnen angesiedelte Teil der Ausstellung im Naturkundemuseum bei De Koog, wo es auch um die vielfältigen Gründe für diese Gefahren geht. Wichtigster Faktor neben dem voranschreitenden Klimawandel und der Gefährdung durch Menschen sind die riesigen Müllmengen, mit denen neben der Nordsee auch alle anderen Meere und Ozeane zu kämpfen haben. Ganze Plastikflaschen hier, Kronkorken da, Zigarettenkippen, weggespültes Strandspielzeug und Joghurtbecher sind allein die Dinge, die sich täglich am Strand finden lassen. Doch viel mehr als die Spitze des Eisbergs sind sie nicht.
Das macht abseits der Ecomare-Ausstellung auch das Inselmuseum Kaap Skil im östlich gelegenen Inselort Oudeschild deutlich, wo eine Vielzahl angespülter Fundstücke ausgestellt sind. Doch am deutlichsten wird das Müllproblem der Region im auf den ersten Blick von Unmengen Müll geprägten Juttersmuseum Flora bei De Koog, wo die Ausstellungsstücke auf schon fast unerträglich dekorative Weise im Innen- und Außenbereich des Museums aufgetürmt und aneinandergereiht sind.
Kuriose Funde aus dem Meer im Juttersmuseum Flora auf Texel
Zu den angeschwemmten Ausstellungsstücken, die die Museumsbetreiber André Eelman und Judith von der Zee über die Jahre angesammelt hat, zählen unzählige Arbeitshelme, Rettungsringe, Paddel und Glasflaschen, aber auch Kuriositäten wie ein aus dem englischen Brighton ins Meer gewehte Rummelschild in Form von „Star Trek” Captain Picard und – womit man wieder bei den „Fietsen” wäre – sogar Fahrräder. Würde den Sammlern nicht früher oder später der Platz in den ohnehin vollgeladenen Schuppen und Hallen ausgehen, die Sammlung könnte wahrscheinlich ewig weiterwachsen.
Ideal für einen Kurzurlaub: Zehn europäische Städte, die Sie gesehen haben sollten




Dass hier kein erhobener Zeigefinger nötig ist, um Menschen auf die Katastrophe aufmerksam zu machen, auf die nicht nur Küstengebiete in allen Winkeln der Welt zusteuern, dafür sorgt nach dem Eindruck, den das Museum hinterlässt, der Radweg durch den Nationalpark Duinen van Texel oder der Abstecher zum Sonnenuntergang am nahegelegenen Strand von ganz allein, wo immer wieder vereinzelt Umweltsünden ins Auge stechen, die selbst so umtriebige Naturschützer und Tourismusverbände wie hier auf Texel nicht verhindern können. Das Klischee, dass man auf Texel entspannt Urlaub machen kann, hat sich in weiten Teilen Europas – nicht zu Unrecht – herumgesprochen. Dafür, dass es noch so lange wie möglich dabei bleibt, wachsen gerade alle anderen Klischees der Insel über sich selbst hinaus.
Die Recherche wurde unterstützt vom VVV Texel.
Rubriklistenbild: © Sandra Kathe





