Eindrücke aus der Nachbarschaft
Riesiger Schornstein wird gesprengt: Abschied vom Wegweiser – „da sind wir zuhause“
Am Sonntag wird der riesige Schornstein des Gersteinwerks in Werne gesprengt. Für die Hammer Nachbarn ist das Bauwerk Wegweiser und Heimat-Statement.
Hamm/Werne – Die sogenannten Schrankenzäune liegen bereits überall rund um das Gersteinwerk bereit. Der Grund ist die Einrichtung eines Sicherheitsbereichs für die Sprengung des 282 Meter hohen Schornsteins auf der Stadtgrenze Bockums zu Werne-Stockum am Sonntag. Damit verliert die Region eine Landmarke. Das bedauern viele, vor allem die mit direktem Blick auf das markante Industriebauwerk. Per „Du“ ist allerdings niemand mit dem Kamin aus den 1980er Jahren.
Auch wenn der Schornstein zum einen ein Wegweiser ist, zum zweiten ein Statement für Heimat. „Die Blinklichter oben am Turm“, erinnert Erika Adling den Blick gen Süden. Eine romantische Szenerie hat die Bockumerin ebenfalls vor Augen, „den Halbmond, der direkt aus dem Schlund des Schornsteins aufzusteigen scheint. Meine Enkelin hat das einmal fotografiert.“ Sie ist wie Ehemann Erwin an der Janssenstraße aufgewachsen. 52 Jahre besetzen beide jetzt schon den Logenplatz Hausnummer 70 am Ende der Bebauung. Der wird am Sonntag geteilt mit der fast kompletten Familie. „So ungefähr 15 Personen. Eine Nichte ist im Urlaub. Sie bekommt von uns aber ein Video geschickt“, erzählt Erika Adling und verspricht der Verwandtschaft „Schnitzel und Hähnchenbollen“ zum Schauspiel.
Riesiger Schornstein des Gersteinwerks bei Hamm wird gesprengt
An den Bau des Schornsteins haben beide nur noch rudimentäre Erinnerungen. „Am Anfang ist mal einer abgestürzt“, erinnert sich Erwin Adling. Das Gerüst wäre jeden Tag höher und höher geworden. „Der Turm war wie das Kraftwerk einfach immer da. Mal näher, mal weiter weg“, beschreibt er einen persönlichen Eindruck. „Und ich habe immer behauptet, das Gerstein-Werk beschützt uns“, sagt Erwin Adling und meint unbilliges Wetter wie Schnee. Das Kraftwerk habe wohl die Umgebung aufgewärmt.
Als nützliche Landmarke sehen Elisabeth und Herbert Hrubesch den Schornstein. „Wenn jemand fragt, wo wir wohnen, können wir es mit dem unübersehbaren Turm besser erklären“, sagt der gebürtige Pelkumer. Seine Frau hatte den Turm und die Lampen – „sie sind ja jetzt seit einiger Zeit aus“ – seit ihrer Kindheit an der Stockumer Straße immer vor Augen. Auch das Paar wird den Sturz verfolgen, „vielleicht mit Tochter und ihrem Lebensgefährten.“
„Unser Haus ist stabil“, meint Bernhard Wellman im Scherz. Sein Hof unten an der Janssenstraße ist aber tatsächlich einen Kilometer entfernt, auch wenn es anders wirkt. „Aber Fensterputzer könnten sie schon vorbeischicken“, fordert der ehemalige Landwirt.
„Hier kamen in den letzten Tagen zahlreiche Leute vorbei und fragten, ob sie von uns aus gucken könnten bei der Sprengung“, sagt Wellmanns Schwiegertochter Judith Reher. Während Wellmann seit seiner Geburt vor 84 Jahren im Schatten des Kraftwerks lebt, ist sie zugezogen. „Aber aus meinem Kinderzimmer in Holsen konnte ich die Lichter aber auch sehen. Wie auch, wenn wir über die A1 aus dem Urlaub heimkehrten. Ab dem Kamener Kreuz hieß es: Da sind wir zu Hause.“ Reher hörte davon, dass eine Frau der Nachbarschaft sogar eine Petition zum Erhalt des Turms starten wollte, weil er doch ein Wahrzeichen für Bockum sei.
Fast alle Anwohner schauen sich Sturz des Schornsteins an
Nachbar Hubert Bachtrup ist noch weniger am Bau und Sturz des Schornsteins interessiert als Wellmann. Er sieht trotz räumlicher Nähe weder Gersteinwerk noch Turm. „Ich habe einen schöneren Ausblick“, sagt er zu seinem unter anderem mit einem Mammutbaum umkränzten Garten. „Die Gartengestaltung hab ich mir zum 50. gegönnt“, erzählt der 85-Jährige. „Es ist hier jetzt wunderbar ruhig.“
Angucken werden sich also fast alle Anwohner den Sturz des Schornsteins. Auch die auf Herringer Seite von Lippe und Kanal. „Ich bin kein Katastrophen-Tourist, aber interessant ist es schon“, meint Wilfried Kleine. „Als Kind konnte ich bis nach Bockum-Hövel gucken, habe immer einen Blick aufs Kraftwerk gehabt“, erinnert sich der Hofeigner an der Lünener Straße. Heute verhindern das die Bäume im Garten und die Lärmschutzwand zur Johannes-Rau-Straße. „Meinetwegen könnte der Turm auch erhalten bleiben“, sagt der Radler, „man braucht auf den Touren, zum Beispiel ins Münsterland keinen Kompass,sieht immer, wo man hin muss.“


