Klimacamp in Hamm
Einfaches Aktivistenleben im Lippepark – Spaziergänger pöbelt: „Geht arbeiten"
Seit dem Pfingstwochenende steht im Lippepark ein Klimacamp mit selbstgebauten Duschen und Zelten. Die Organisatoren rechnen mit einem großen Ansturm am Freitag und Samstag.
Über den kleinen und großen Zelten wehen auch eine Regenbogenfahne und eine Palästinaflagge. Die selbstgebauten Duschen und Waschbecken wirken sehr spartanisch und haben schon das eine oder andere Camp erlebt. Aber sie funktionieren, wie Esra demonstriert. Er ist einer der Teilnehmer des Klimacamps im Lippepark, das seit dem Pfingstwochenende dort aufgeschlagen hat und das am Mittwochnachmittag offiziell startete.
Eines wird beim Rundgang durch das Camp schnell deutlich: Diejenigen, die hier übernachten, verschiedene Workshops besuchen und an der Groß-Demo am Samstag teilnehmen, benötigen keinen Luxus. Ihnen geht es um das Klima, aber auch um andere Themen wie soziale Gerechtigkeit und Frieden, um die Gemeinschaft. Und: Sie möchten einen Ort gelebter Utopie schaffen, in dem sich die Teilnehmer – etwa 1500 werden erwartet – basisdemokratisch und auf freiwilliger Basis selbst organisieren und zusammenleben. „Vieles entwickelt sich dynamisch“, sagt Camp-Sprecherin Veronika Mandel.
Klimacamp im Lippepark: Leben ohne Luxus
Für die meisten Camper ist es selbstverständlich, mitanzupacken – beim Aufbau, beim Schnibbeln in der Küche, beim Spülen, beim Müllsammeln, als Nachtwache, als Mahnwache vor dem Hauptbahnhof in Hamm oder in der „Shit-Brigade“, im Klo-Dienst. Tagsüber gibt es sogar eine Kinderbetreuung. Eva, eine der älteren Camperinnen, und Jonas Baliani haben sich im Info-Zelt eingefunden, wo Helfer an diesem Vormittag dabei sind, Schichtpläne und Programmabläufe zu erstellen. Andere basteln Plakate oder versorgen Besucher mit Informationen zu verschiedenen Themen – Themen, die nicht nur mit dem Klimacamp und den Aktionen im Umfeld zu tun haben. Warum sie mitmacht? „Wegen der Erderwärmung und deren Folgen“, antwortet Eva kurz und knapp. Sie stamme, wie sie sagt, aus dem westlichen Ruhrgebiet und habe schon einige Camps besucht. Auch Jonas Baliani möchte mit seiner Teilnahme ein Zeichen setzen. Dann wird er politisch: Viele Konflikte auf der Welt wurden durch den Kampf um Ressourcen ausgelöst, sagt er. Es sei ihm wichtig, mit anderen Teilnehmern ins Gespräch zu kommen.
Und das tut er auch und verteilt Broschüren zu weiteren Aktionen. Für die beiden ist es selbstverständlich, sich einzubringen. Das ist auch den Organisatoren des Camps wichtig: Sie verstehen die anfallenden Arbeiten ausdrücklich als Teil des Ganzen. Für den Außenstehenden wirkt es wie eine Mischung aus Jugend-Zeltlager und Festival-Camp – nur eben mit ganz viel Politik. Das erklärt auch, warum es im Umfeld des Lippeparks in diesen Tagen ein erhöhtes Polizeiaufkommen gibt. Es ist weniger die Angst davor, dass die Camp-Teilnehmer ihrerseits Ärger verursachen, als vielmehr die Angst davor, dass sie selbst Zielscheibe von Angriffen von außen werden könnten.
Klimacamp: Spaziergänger pöbelt
Denn eines ist auch klar: Nicht allen gefällt das, was in diesen Tagen im Lippepark passiert. Das wird in vielen Kommentaren in den sozialen Medien deutlich, das sagt ein Spaziergänger: Er hat es sich auf einer nahegelegenen Bank bequem gemacht und pöbelt. „Geht erst einmal arbeiten“, bedient er sich gängiger Klischees, mit denen die Klimaaktivisten immer wieder konfrontiert werden.
In der türkeistämmigen Community sorgt das Camp indes für Irritation. Der Park wird von vielen Familien besucht – gerade im Sommer und während des muslimischen Opferfestes, das seit Mittwoch gefeiert wird. In den vergangenen Jahren war der Park deshalb rappelvoll. Und auch am Mittwoch sieht man festlich gekleidete Familien, die zum Park laufen und dort ein schattiges Plätzchen suchen. Sie werden aber nicht abgewiesen. Im Gegenteil: „Es ist ein offenes Camp“, sagt Mandel. Jeder könne vorbeischauen, sich mit den Teilnehmern austauschen oder einen der Workshops besuchen. „Fragen beantworten wir gerne.“
Dazu haben die Veranstalter einen zweiten Informationspunkt eingerichtet. Der befindet sich schräg gegenüber dem Eiscafé Lippepark. „Nachbarn und Spaziergänger können sich hier über unsere Anliegen und das Programm informieren“, sagt die Camp-Sprecherin.
Klimacamp: „Persönlich ein Bild machen“
Mit den ersten Tagen des Camps sei sie sehr zufrieden, sagt Mandel. Den großen Ansturm erwarte sie an diesem Donnerstag, vor allem aber am Freitag und am Samstag. Bis dahin werde es noch genug Zeit geben, sich auszutauschen. Camp-Teilnehmer Kalle Fischer lädt dazu alle Bürger ein. Denn auch er weiß, dass es Vorbehalte in der Gesellschaft gegen solche Veranstaltungen gibt. Daher sei es umso wichtiger, dass sich die Menschen persönlich ein Bild vom Camp und dem Anliegen der Teilnehmer machen.
Rubriklistenbild: © Vincent Schula


