Modi unter Zugzwang

Trump zieht die Schlinge um Russlands Wirtschaft zu – Indien rutscht ins geopolitische Dilemma

Indien bezieht Öl von Russlands Wirtschaft – ganz zum Missmut von Donald Trump. Der US-Präsident legt nun nach und setzt Neu-Delhi unter Zugzwang.

Washington/Neu-Delhi – Als Donald Trump im Oktober erneut mit Strafzöllen drohte, war das Signal klar: Auch Partner, die sich neutral geben, sollen Farbe bekennen. Indien, lange bemüht um Balance zwischen Ost und West, gerät seither zunehmend in den Sog der US-Außenpolitik. Mit Strafzöllen versuchte der US-Präsident die Republik auf seinen Kurs zu bringen. Und zuletzt setzte er das Land wegen seiner Beziehungen zu Russlands Wirtschaft vermehrt unter Druck. Premier Narendra Modi steht vor einem altbekannten Dilemma: Wie wahrt man strategische Autonomie, wenn beide Seiten fordern?

Donald Trump hat seine Forderungen gegenüber Indien erneut, um Russlands Wirtschaft unter Druck zu setzen. (Symbolbild)

Nun hat Trump gegenüber Reportern die Drohungen gegen Modi erneuert und versprochen, dass die US-Zölle gegen Indien weiter Bestand haben werden. Solange, bis sich das Land vom russischen Öl abwendet. Die möglichen Folgen für Russlands Wirtschaft wären gravierend – und könnten Auswirkungen auf den Ukraine-Krieg haben. Das deutliche Vorgehen der Amerikaner setzt nun Indien unter Zugzwang und lässt das Land zwischen BRICS und QUAD balancieren.

Indien wegen Verhältnis zu Russlands Wirtschaft im Visier von Donald Trump

„Ich habe mit dem indischen Premierminister Modi gesprochen und er sagte, er werde sich nicht auf die Sache mit dem russischen Öl einlassen“, sagte Trump am Sonntag, dem 19. Oktober, gegenüber Reportern an Bord der Air Force One. Trumps Versuch, Modi von Russlands Wirtschaft zu lösen, war bereits vergangene Woche bekannt geworden. Indien hatte die Berichte zunächst unkommentiert stehen lassen. Später sagte ein Regierungssprecher, dass er keine Kenntnis von einem Telefonat zwischen den beiden Staatschefs in den letzten Tagen habe. Kurz darauf wurde allerdings bekannt, dass Indien zu höheren Energieimporten aus den USA bereit sei.

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Gegenüber den Reportern sagte Trump auf die Frage, warum die indischen Behörden leugnen, dass ein solches Gespräch stattgefunden habe: „Wenn sie das behaupten wollen, werden sie einfach weiterhin massive Zölle zahlen, und das wollen sie nicht.“ Die Energieimporte aus Russland sind schon länger einer der Hauptkonfliktpunkte in den Handelsverhandlungen zwischen Washington und Neu-Delhi. Im Sommer nannte eine Analyse des Brookings Institution die Beziehungen zwischen beiden Nationen „den schwierigsten Moment seit Jahrzehnten“.

Seit Beginn des Ukraine-Kriegs schnürt der Westen immer wieder Sanktionspakete gegen Moskau. Auch Trump hat sich inzwischen einer härteren Linie angeschlossen – wohl aus Enttäuschung über den ergebnislosen Alaska-Gipfel mit Wladimir Putin. Spätestens seit den Sommermonaten sollen deshalb amerikanische Geheimdienste die Ukraine mit Informationen über wichtige Ziele von Russlands Wirtschaft versorgt haben.

Trump will Russlands Wirtschaft ausbremsen: Indien zwischen Ost und West

Hinter Trumps Drohungen steht mehr als nur handelspolitischer Eifer. Es geht um eine Neuvermessung der globalen Allianzen, in denen Indien ein Schlüsselstaat der amerikanischen Strategie sein könnte, um Chinas Einfluss in Asien einzudämmen. Für Indien wird dies zur Zwickmühle: Lange Zeit wollte Neu-Delhi weder dem Westen noch Russland verpflichtet sein. Geprägt von der kolonialen Vergangenheit herrscht in Indien ein tief verwurzeltes Misstrauen gegenüber potenziellen Partnern. Eine Analyse der Denkfabrik „Chatham House“ kommt zu dem Ergebnis, dass die bilateralen Beziehungen für beide Länder trotz der Spannungen weiterhin Priorität haben.

Dabei ist Indien längst zu einer der wichtigsten Nationen Asiens aufgestiegen, nicht zuletzt durch die militärische Schlagkraft des Landes. Die indische Luftwaffe überholte in einem Ranking erst kürzlich sogar die chinesische. Doch militärische Stärke allein sichert noch keine Unabhängigkeit – sie offenbart zugleich die Schwächen einer Industrie, die an ihre Grenzen stößt. Indien ist also weiterhin auf internationale Bündnisse angewiesen.

Indien zwischen BRICS und QUAD: Trump drängt Indien in Richtung China

Nach Einschätzung der NZZ waren die Zölle von Donald Trump unter anderem der Auslöser, der Indien in die Arme von China trieb. Doch zugleich steht Neu-Delhi zwischen BRICS und QUAD. Als Gründungsmitglied der erstgenannten Gruppe bildet das Land zusammen mit Brasilien, Russland, China und Südafrika den Kern dieser Staatengruppe, die inzwischen etwa 45 Prozent der Weltbevölkerung vertritt. Als Teil von QUAD sucht Indien hingegen die Nähe von Japan, Australien und ausgerechnet den USA.

Laut Le Monde diplomatique zeigt sich durch Indiens Mitgliedschaft in konkurrierenden Gruppierungen deutlich, dass die Republik besonders seine nationalen Interessen verfolgt. QUAD wird zudem immer wieder als Gegenpol auf Chinas aufstrebenden Einfluss im asiatischen Raum gesehen.

Künftige Rolle Indiens für Russlands Wirtschaft: Neu-Delhi sucht diplomatischen Kurs

Die ambivalente Haltung spiegelt sich auch in der aktuellen Lage wider: Bislang vermied es Indien, auf die jüngsten Äußerungen Trumps zu reagieren. Stattdessen fließen laut dem der indischen NDTV World und der Times of India weiterhin unzählige Barrel russischen Öls Richtung Indien. Neu-Delhi sucht weiter den Weg der Mitte zwischen Ost und West – ein Kurs, der in einer multipolaren Welt immer schwerer zu halten ist. (Quellen: New York Times, NZZ, Le Monde diplomatique, Chatham House, Brookings Institution, Times of India, NDTV World) (fbu)

Rubriklistenbild: © Mark Schiefelbein/AP/dpa

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