Debatte über Gebietsabtretung
Putin schielt auf den Donbass: Warum die Region für den Kreml-Chef so wichtig ist
Der Ukraine-Krieg dauert an. Die Hoffnung auf Frieden wächst, doch Gebietsfragen bleiben heikel. Die Zukunft des Donbass bleibt umstritten.
Washington, DC – Seit mehr als dreieinhalb Jahren tobt in Europa der Ukraine-Krieg. Ist nun ein Ende des Konflikts in Sicht? Immerhin nähren die beiden Gipfel in Alaska und Washington, D.C., die Hoffnung auf eine Friedenslösung. Doch viele Fragen sind vor möglichen Verhandlungen noch völlig offen. Zu den wichtigsten Aspekten zählt dabei die Frage nach Gebietsabtretungen.
Ukraine-Verhandlungen in Washington: Trump-Gipfel mit Merz und Co. in Bildern




Im Zentrum der Debatte steht die Donbass-Region in der Ukraine. Nach dem Alaska-Gipfel zwischen Donald Trump und Wladimir Putin am 15. August hatten sich unbestätigte Medienberichte gemehrt, dass der US-Präsident die Möglichkeit für ein schnelles Friedensabkommen sehe, wenn die Ukraine seinem Nachbarland den gesamten Donbass überlässt. Inbegriffen seien auch strategisch wichtige Gebiete, die die russischen Streitkräfte bisher nicht unter ihre Kontrolle bringen konnten.
Putin schielt auf den Donbass: Gebietsabtretung für Ende des Ukraine-Kriegs
Der Donbass, bestehend aus den Regionen Donezk und Luhansk, war einst das industrielle Herzstück der Sowjetunion. Reich an Kohleminen, Stahlwerken, fruchtbarem Ackerland und wichtigen Flüssen, hat die Region eine bewegte Geschichte. Seit 2014, als Russland die Krim annektierte und der Konflikt im Donbass begann, steht die Region im Zentrum der Auseinandersetzungen zwischen Russland und der Ukraine.
Luhansk und Donezk wurden 2022 zusammen mit Teilen von Saporischschja und Cherson von Russland einseitig und völkerrechtswidrig annektiert. Für den russischen Präsidenten ist der Donbass von zentraler Bedeutung für seine Vision eines „größeren Russlands“ und wird als Rechtfertigung für die fortgesetzte Aggression genutzt.
Was eine Aufgabe des Donbass für die Ukraine militärisch bedeuten würde
Für die Ukraine hätte eine Räumung des Industriereviers Donbass schwerwiegende militärische, humanitäre und wirtschaftliche Folgen. Militärisch würde eine Preisgabe bedeuten, dass Russland kampflos Territorien bekommt, die es nicht erst seit 2022, sondern seit 2014 nicht erobern konnte. Zwar halten die ukrainischen Truppen im Verwaltungsgebiet Luhansk nur noch wenige Quadratkilometer. Doch im Gebiet Donezk sind immerhin 7600 von 26.500 Quadratkilometern noch in ukrainischer Hand.
Dort liegen Großstädte wie Slowjansk und Kramatorsk, die gut befestigt einen Verteidigungsgürtel bilden. Westlich von ihnen erstreckt sich offenes Steppenland, sodass Russland bei einem Wiederaufflammen der Kämpfe ungehindert Richtung Charkiw oder Dnipropetrowsk vorstoßen könnte.
Was bedeutet eine Aufgabe des Donbass für die Ukraine humanitär?
Kramatorsk zählte vor dem Krieg 150.000 Einwohnerinnen und Einwohner, Slowjansk immerhin 106.000. Selbst wenn es mittlerweile weniger sind, würden im Gebiet Donezk absehbar mehrere Hunderttausend Menschen mit ukrainischer Staatsbürgerschaft unter russische Besatzung geraten – oder flüchten. Die Ukraine gibt auch deshalb nicht auf, weil sie Landsleute nicht unter einer Moskauer Gewaltherrschaft lassen will.
Alle Berichte aus Gebieten, die die Ukraine 2022 zurückeroberte, zeigen, dass die russische Besatzung mit Verschleppungen, Morden und Folter gegen die Bevölkerung vorgegangen ist. Dies traf selbst die vorwiegend russischsprachigen Ukrainer im Osten, die Moskau angeblich schützen will. Es wird Druck ausgeübt, die russische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Ukrainische Sprache und Kultur werden zurückgedrängt.
Warum der Donbass für Putin wirtschaftlich so wichtig ist
Vor 2014 hatte die Industrieregion Donbass eine Bevölkerungszahl von etwa 6,5 Millionen Menschen und war mit Kohle und Eisen das Kernstück der ukrainischen Schwerindustrie. Allerdings waren viele Bergwerke und Fabriken damals schon veraltet. Für die Fußball-Europameisterschaft 2012 wurde die Millionenstadt Donezk herausgeputzt und erhielt das schicke Stadion Donbass-Arena.
Doch als Donezk und andere wichtige Teile des Donbass 2014 unter russische Kontrolle gerieten, brach der wirtschaftliche Kontakt mit dem von Kiew kontrollierten Teil der Ukraine größtenteils ab. Wegen der Kämpfe wurden seitdem viele Bergwerke aufgegeben und liefen voll Wasser. In diesem Sommer gab es in der besetzten Millionenstadt Donezk Probleme mit Trinkwasser, weil die Zuleitung, der Kanal Siwerskyj Donez-Donbass, an mehreren Stellen zerstört ist.
Im Donbass liegen viele der Bodenschätze, mit denen die Ukraine sich gemäß einem Abkommen eigentlich US-Hilfe erkaufen will. Durch das Vorrücken der russischen Armee in den vergangenen Monaten sind aber weitere wichtige Lagerstätten für Kiew verloren gegangen.
Ukraine-Krieg vor dem Ende? Daten und Fakten zum Konflikt
| Annexion der Krim | 18. März 2014 |
|---|---|
| Kriegsbeginn im Donbass | 13. April 2014 |
| Russische Invasion | 24. Februar 2022 |
| Konfliktparteien | Russland, Ukraine |
| Staatschefs | Wladimir Putin, Wolodymyr Selenskyj |
Russland fordert Donbass: Debatte über Gebietsabtretungen nach Ukraine-Gipfel
Deshalb zog Bundeskanzler Friedrich Merz nach dem Ukraine-Gipfel in der US-Hauptstadt am 18. August auch eine rote Linie für Gespräche mit Putin. Der Ukraine dürften „keine Gebietsabtretungen aufgezwungen werden“, sagte Merz. Wenn Russland den Donbass von der Ukraine fordere, sei das mit einem Verzicht der USA auf Florida vergleichbar, betonte der Kanzler.
US-Außenminister Marco Rubio betonte in einem Interview die Notwendigkeit von Kompromissen auf beiden Seiten, um zu einer Friedenslösung zu gelangen. „Keine Seite wird hier 100 Prozent bekommen. Jede Seite muss einige Zugeständnisse machen“, erklärte Rubio. Er räumte ein, dass territoriale Fragen zwangsläufig Teil von Friedensverhandlungen sein würden. Das sei notwendig, um den Krieg zu beenden, so Rubio.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland




Gebietsabtretung im Ukraine-Krieg: Kontroverse Stimme aus den USA
Anders sah es Jesse Watters. Der Moderator des rechten TV-Senders Fox News forderte die Ukraine auf, Putin einen großen Teil ihres Landes überlassen. „Grenzen ändern sich ständig“, sagte Watters und verwies auf historische Beispiele wie die Veränderungen der deutschen Grenzen über die Jahrhunderte: „Früher war es das preußische Reich, dann das Deutsche Reich. In den Weltkriegen dehnte es sich aus, schrumpfte dann. Dann wurde es in zwei Teile geteilt und jetzt ist es wiedervereinigt.“ Und das könne man der Ukraine nicht antun? „Das ist lächerlich.“
Die Forderung nach territorialen Zugeständnissen stößt in der Ukraine auf breite Ablehnung. Laut dem Kiewer „Internationalen Institut für Soziologie“ lehnen etwa drei Viertel der Menschen in der Ukraine die Übergabe von Land an Russland ab. Selenskyj würde sich also gegen sein eigens Volk stellen – und zugleich noch gegen die ukrainische Verfassung verstoßen. (cs)
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