Nächster Korruptionswirbel
„Vova“, Villen und Raketen: Selenskyj und sein Chef-Verhandler stehen unter Druck – was das über Putin sagt
Der nächste Korruptionsaufruhr erschüttert in der Ukraine Regierung und Rüstungsindustrie. Es geht um viel. Eine Analyse.
Wladimir Putin hat ein schwieriges Wochenende hinter sich: Eine „Siegesparade“ ohne Militärgerät – und erst mithilfe Donald Trumps konnte der Kremlchef sein abgespecktes Event vor drohnenden ukrainischen Störfeuern schützen. An der Front im Ukraine-Krieg macht Russland unterdessen offenbar nur Minimalfortschritte, deutlich unter dem Niveau vergangener Frühjahrsoffensiven. Allerdings hat auch Wolodymyr Selenskyjs Regierung in der Ukraine ernste Probleme.
In den Todeszonen und auf den Schlachtfeldern des Krieges ist das vor allem der Mangel an Kämpfenden, die erschöpfte Kräfte ablösen könnten. Politisch scheint ein Korruptionsskandal wieder einmal nahe an Selenskyjs Vertraute heranzurücken – womöglich sogar an den Präsidenten selbst. Allein dieser Umstand zeigt aber schon einen gravierenden Unterschied zwischen Putins Russland und der Ukraine.
Rüstungsproduzent in der Ukraine im Kreuzfeuer: Korruptionsverdacht mit Folgen?
Anlass der jüngsten Aufregung sind von der Ukrainska Pravda veröffentlichte Mitschnitte. Auf einem davon sind laut der Online-Zeitung wohl Timur Minditsch und Rustem Umjerow zu hören – Minditsch ist ein langjähriger Vertrauter Selenskyjs, hat sich mittlerweile aber ins Ausland abgesetzt. Umjerow war knapp drei Jahre lang Verteidigungsminister, er ist nun Sekretär des Nationalen Sicherheitsrats und einer der wichtigsten Verhandlungsführer der Ukraine im Ringen um einen Frieden.
Umjerow habe einen „guten Ruf als Verhandler“, sei aber auch eine Risikopersonalie, erklärte Ukraine-Experte Eduard Klein unserer Redaktion schon im Dezember, als Selenskyjs rechte Hand Andrij Jermak gehen musste. Ihm folgte Umjerow als Kopf der Verhandlungen etwa mit den USA. Auch Umjerow tauche im Kontext der Korruptionsermittlungen auf, warnte Klein. In den neuen Aufnahmen, angeblich aus dem Jahr 2025, scheint Minditsch mit dem damaligen Verteidigungsminister Umjerow über Aufträge für das Unternehmen Fire Point zu sprechen.
Schock-Momente und große Eklats: So turbulent war das Politik-Jahr 2025




Im Raum steht der Verdacht, dass Minditsch ein Profiteur im Hintergrund war. Angeblich sprach er in dem mutmaßlichen Telefonat von „unserer Firma“ – Umjerow soll gefragt haben, welche Art Deal „uns passt“. Die Echtheit der Aufnahmen ist allerdings bislang nicht bestätigt, Umjerow und Fire Point weisen die Vorwürfe zurück. In der Aufnahme wird von „311 Milliarden“ Hrywnja, umgerechnet rund sechs Milliarden Euro, gesprochen. Allerdings dürfte es dabei um einen Haushalts-Nachtrag für die Verteidigung aus dem Juli 2025 gehen, nicht allein um Zahlungen an Fire Point.
Die Vorwürfe sind dennoch in mehrerlei Hinsicht höchst brisant: Fire Point ist ein wichtiges Unternehmen – es produziert neben Drohnen etwa auch den „Flamingo“, einen neuen Marschflugkörper der Ukraine, der wichtig für Schläge im russischen Hinterland werden könnte. In Fire Points Beirat sitzt Ex-US-Außenminister Mike Pompeo, EU-Verteidigungskommissar Andrius Kubilius lobte das Produktiontempo, im April haben das deutsche Unternehmen Diehl Defence und Fire Point eine Kooperation verkündet. Im Gespräch ist nun sogar eine Verstaatlichung des Unternehmens. Sollte Minditsch Profit aus Deals mit Fire Point nachgewiesen werden, könne der Staat dort keine Bestellungen mehr tätigen, warnte der Anti-Korruptionsrat des Verteidigungsministeriums – gegen Selenskyjs langjährigen Vertrauten sind mittlerweile Sanktionen in Kraft. Ein Nachweis gilt allerdings als schwierig.
„Vova“ und die Villa: Unbestätigter Verdacht gegen Selenskyj – Putin hingegen duldet keine Kritik
Aber natürlich geht es auch um Vertrauen internationaler Geldgeber in die Ukraine. Und um das der Menschen in ihre eigene Regierung. Eine Kernfrage lautet, ob das vorhandene Geld tatsächlich in Material und Schutz der Soldatinnen und Soldaten fließt. Der Skandal könnte unangenehme Konsequenzen haben.
Denn Umjerow ist weiter eine Schlüsselfigur. Erst vergangene Woche war er zu Gesprächen in den USA – dort hatte sein Vorgänger Jermak wegen dessen schlechtem Englisch laut Klein einen schlechten Stand. Zuletzt brachten Ermittlungen aber auch Wolodymyr Selenskyj selbst unter Verdacht. Eine weitere Aufnahme dreht sich offenbar um die Renovierung mehrerer Luxusvillen bei Kiew. Eine davon soll für Jermak gedacht gewesen sein. Eine Frau namens „Natalia“ soll auf dem Mitschnitt über die Arbeiten sagen, mittlerweile trenne ein Zaun Minditschs Haus von „Vovas“ – Vova ist eine Kurzform von Wolodymyr. Ein Zusammenhang mit Selenskyj ist nicht belegt. Das Präsidentenbüro verweigerte dem Kyiv Independent einen Kommentar.
Das Portal spekuliert, Selenskyjs Regierung wolle den Skandal aussitzen. Womöglich, weil bereits ein Dementi die Aufmerksamkeit erhöhe. In die Hände spielen dürfte die Entwicklung Putins Propaganda, die Selenskyj als nicht (mehr) demokratisch legitimiert diskreditieren will – was staatsrechtlich haltlos ist. Auch klar widerlegbare Desinformation über vermeintliche Luxusimmobilien Selenskyjs gehören zum Werkzeugkasten des Kreml. Dass es auch diesmal um eine solche geht, ist aber zumindest stark fraglich.
Tatsächlich zeigt der Skandal aber nicht nur ein Korruptionsproblem der Ukraine. Sondern auch, dass dort nach wie vor freier Journalismus und Aufklärungsbemühungen prinzipiell möglich sind – im Gegensatz zu Putins Russland. Ähnliches gilt für die Ermittlungsbehörden: Beobachter kritisieren zwar langsame Nachforschungen. Aber im Sommer 2025 retteten öffentliche Proteste Handlungsspielräume der Ermittler. In Russland wäre das aktuell ein undenkbarer Vorgang. Ebenso wie Ermittlungen gegen Amtsinhaber aus Putins Regierung. (Quellen: Ukrainska Pravda, Eduard Klein, Kyiv Independent, AP, eigene Recherchen)
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