Russlands Pläne

Nächstes Putin-Opfer? Baltikum fürchtet Waffenruhe im Ukraine-Krieg

Eine mögliche Waffenruhe im Ukraine-Krieg löst Besorgnis in Estland und Litauen aus. Die Angst, die nächsten Angriffsziele Putins zu sein, ist groß.

Tallinn – In den baltischen Staaten Estland, und Litauen ist die Sorge vor einer Waffenruhe im Ukraine-Krieg groß. Der Grund: Sie könnte zu mehr Spannungen zwischen Russland und dem Baltikum führen. „Wir alle wissen, dass Russland, wenn der Krieg in der Ukraine beendet ist, seine Kräfte sehr schnell neu verteilen wird“, sagte der estnische Verteidigungsminister Hanno Pevkur der Financial Times. „Das bedeutet, dass auch die Bedrohungslage sehr schnell deutlich ansteigen wird.“

Bei einem Besuch in Großbritannien hatte sich die litauische Verteidigungsministerin Dovilė Šakalienė zuvor ähnlich geäußert. „Wir sollten uns keine Illusionen machen. Machen wir uns nicht vor, dass Russland nach der Ukraine fertig ist“, sagte sie. „Russland wird die Zeit nach einem Waffenstillstand nutzen, um seine militärischen Fähigkeiten zu verbessern. Sie haben bereits eine riesige, kampferprobte Armee, die noch größer werden wird.“

Der Verteidigunsminister von Estland, Hanno Pevkur.

Keine Einigung bei Waffenruhe im Ukraine-Krieg – Estland warnt dennoch vor Putins nächsten Schritten

Aktuell scheint eine Waffenruhe zwischen der Ukraine und Russland noch weit entfernt. Während es erst so wirkte, als sei unter Vermittlung der USA eine Einigung erzielt wurden, wurde schnell deutlich, dass nur die Ukraine dem Deal zugestimmt hatte. Russland knüpfte die Waffenruhe, die eigentlich bedingungslos sein sollte, an Lockerungen von Sanktionen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj vermutete vor diesem Hintergrund, dass der russische Präsident Wladimir Putin nicht wirklich verhandeln wolle. Selenskyj forderte deswegen von den Verbündeten der Ukraine stärkere Sanktionen gegen Russland, um Putin unter Druck zu setzen.

Eine Pause des Gefechts könnte Putin allerdings auch einen Vorteil geben. Russland könnte seine Armee in der Zeit neu aufstellen und vergrößern. Die Sorge in den Baltikstaaten ist, dass Putin die Präsenz seiner Armee nahe Finnland und dem Baltikum verdoppeln könnte. Davor hatte der estnische Geheimdienst-Generaldirektor Kaupo Rosin bereits im Jahr 2024 gewarnt.

Pevkur sagte nun, dass etwa die Hälfte der schätzungsweise 600.000 russischen Soldaten bei einem vollen Waffenstillstand verlegt werden würde. „Diese Männer werden nicht in andere Teile Russlands zurückkehren, um Mais zu ernten oder etwas anderes zu tun“, meint der estnische Verteidigungsminister. Das Armeegehalt sei zu hoch dafür.

Nato: Die wichtigsten Kampfeinsätze des Verteidigungsbündnisses

Seit ihrer Gründung am 4. April 1949 hat sich die Rolle des Nordatlantik-Pakts Nato stark verändert. Aus dem Bündnis, das  vorrangig der Verteidigung diente, wurde in den 1990ern eine global eingreifende Ordnungsmacht. Ihren ersten Kampfeinsatz leistete die Nato, deren Hauptquartier sich seit 1967 in Brüssel befindet, im Jahr 1995.
Ihren ersten Kampfeinsatz startete die Nato am 30. August 1995 mit der Operation „Deliberate Force“ gegen serbische Freischärler im ehemaligen Jugoslawien. Offiziell trat die Nato dabei nur als eine Art bewaffneter Arm der UN-Mission im Land auf. Beteiligt waren 5000 Soldaten aus 15 Ländern mit 400 Flugzeugen, darunter 222 Kampfflugzeugen. 54 dieser Maschinen, die rund um die Uhr von drei Flugzeugträgern und 18 Luftwaffenstützpunkten in Europa losflogen, waren F-16 Fighting Falcon (im Bild).
Bei der Operation kam es zum ersten Kampfeinsatz der deutschen Luftwaffe seit dem Zweiten Weltkrieg. 14 deutsche Tornado-Kampfflugzeuge flogen von Piacenza aus 65 Einsätze. 
Nach dem Abzug der schweren Waffen durch die Serben und einer Garantie für die verbliebenen Schutzzonen wurde die Luftoperation am 21. September 1995 beendet. Nato-Befehlshaber Leighton Smith (Mitte) und UN-Balkankommandant Bernard Janvier (rechts) konnten sich schon am Tag davor am Flughafen von Sarajevo als Sieger fühlen.
Die Nato-Streitkräfte waren auch im Kosovo-Krieg im Einsatz. Anlass für den Angriff der Nato im Rahmen der Operation „Allied Force“ war die Nichtunterzeichnung des Vertrags von Rambouillet durch den serbischen Präsidenten Slobodan Milošević (rechts, hier mit dem damaligen deutschen Außenminister Joschka Fischer). Offizielles Hauptziel war, die Regierung Miloševićs zum Rückzug der Armee aus dem Kosovo zu zwingen.
Nato: Die wichtigsten Kampfeinsätze des Verteidigungsbündnisses

Riesige Russland-Militärübung als Deckmantel für Angriff? Baltikum will Nato-Truppen behalten

Die großangelegte Militärübung „Zapad“, die Russland und Belarus im Herbst nahe der baltischen Grenzen durchführen wollen, besorgt im Baltikum am meisten. Die Übung findet alle vier Jahre statt und soll einen Konflikt mit Nato-Mitgliedsstaaten simulieren. Der niederländische Verteidigungsminister Ruben Brekelsmann warnte laut der Kyiv Post bereits, dass Russland den Deckmantel einer Militärübung nutzen könnte, um einen plötzlichen Angriff zu vertuschen. Er warnte aber auch vor einer weiterhin wachsenden Bedrohung durch hybride Kriegsführung.

Sowohl der estnische als auch der litauische Minister warnte vor diesem Hintergrund davor, für Friedenstruppen für die Ukraine auch Nato-Truppen aus ihren Ländern zu verlegen. „Wir können die Sicherheit der Ostflanke der Nato nicht aufs Spiel setzen“, sagte Pevkur. „Wir dürfen nicht in die Falle tappen, dass unsere Streitkräfte irgendwie in der Ukraine fixiert sind. Dann werden wir Risiken an unserer Grenze haben.“

In Litauen ist für die Verteidigung derzeit eine deutsche Brigade stationiert. Lettland wird von einer multinationalen Truppe unter kanadischer Führung geschützt und Estland von einer britischen Brigade, die kurzfristig vom Vereinigten Königreich aus entsandt werden kann. Diese müssten bleiben, denn Estland stehe „an der vordersten Front der Nato“, meinte der britische Verteidigungsminister John Healey Anfang der Woche. Auch Polen und Rumänien gaben bereits an, sich nicht zur Stationierung von Truppen in der Ukraine auf Kosten ihrer eigenen Sicherheit zu verpflichten. (lismah)

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa | Alexander Welscher

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