„Europäische Werte in die Tat umsetzen“

„Putin sollte Angst haben“: Experte fordert gemeinsame NATO-Ukraine-Luftabwehr

Um Menschen in der Ukraine zu schützen, fordert Militärexperte Nico Lange den Abschuss russischer Raketen durch NATO-Staaten: „Durch Zögern ermutigen wir Putin nur.“

Kiew – Russland überzieht die Ukraine immer wieder mit Drohnenschwärmen und Marschflugkörpern: Und nimmt dabei auch die Zivilbevölkerung ins Visier. Nach UN-Angaben sind im Ukraine-Krieg im Juli so viele Zivilistinnen und Zivilisten getötet und verletzt worden, wie seit mehr als drei Jahren nicht mehr: 286 Menschen wurden demnach getötet, 1.388 verletzt. 98 Prozent der verzeichneten Todes- und Verletzungsfälle hätten sich in Gebieten ereignet, die von Russland beschossen werden.

Sicherheitsexperte Nico Lange spricht sich dafür aus, die Luftverteidigung der NATO-Ostflanke und der Ukraine miteinander zu integrieren. (Symbolbild)

Schwere Luftangriffe startete Moskau auch am vergangenen Wochenende. Bei einem kombinierten Angriff auf die Ukraine habe Russland in der Nacht zu Sonntag (5. Oktober) mehr als 50 Raketen und Marschflugkörper sowie rund 500 Drohnen eingesetzt, wie der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj mitteilte. Laut Behörden starben allein in der Region Lwiw (Lemberg) im Westen des Landes an der polnischen Grenze vier Menschen. Nico Lange, Sicherheitsexperte und Senior Fellow der Münchner Sicherheitskonferenz, sieht vor dem Hintergrund der russischen Angriffe im Ukraine-Krieg den Westen in der Pflicht.

Russische Angriffe im Ukraine-Krieg: „Es ist eine Schande, dass wir zusehen, wie Menschen getötet werden“

„Es ist eine Schande, dass wir zusehen, wie Menschen zum Beispiel zuletzt in Lemberg durch russische Raketen getötet werden, obwohl wir diese Raketen abschießen könnten“, erklärt Lange gegenüber der Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA. In einem Post auf der Online-Plattform X hatte der Sicherheitsexperte gefordert, dass NATO-Staaten über der Westukraine russischen Drohnen und Raketen abschießen sollten, die in Reichweite ihrer Systeme sind: „Es einfach geschehen zu lassen, widerspricht allem, was Europäer vorgeben zu sein.“

Gegenüber unserer Redaktion führt der Militärexperte aus, dass es zunächst einmal darum gehe, „die Luftverteidigung der NATO-Ostflanke und der Ukraine miteinander zu integrieren, die Luftraumüberwachung und Systeme von Sensoren miteinander zu vernetzen“. Eine solche gemeinsame Luftverteidigung, argumentiert Lange, „hilft beiden Seiten“.

Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Bundeswehr nutzt den Kampfpanzer Leopard in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in den jüngeren Modellen von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen. Die Ukraine erhält Panzer des Typs Leopard 2 A6. Das 62,5 Tonnen-Gefährt war bei seiner Einführung im Jahr 2001 als verbesserte Variante des A5 etwa mit neuer Hauptwaffe versehen worden. Das Modell A6M verfügt zudem über einen erhöhten Minenschutz.
Der US-Kampfpanzer M1 Abrams gleicht dem Leopard 2 in weiten Teilen. Den M1 Abrams gibt es seit 1980 in mittlerweile drei Hauptvarianten. Seit dem Modell M1A1 ist eine 120-Millimeter-Kanone an Bord. Die vier Insassen werden von einer Stahl-Panzerung vor Angriffen geschützt. Mit 1500 PS kommt der je nach Modell bis zu 74 Tonnen schwere Abrams auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 68 Kilometern pro Stunde. Anders als der Leopard 2 wird der M1 Abrams über eine Gasturbine mit Kerosin angetrieben.
Die Hauptwaffe der US-amerikanischen Bradley-Schützenpanzer besteht aus einer 25-Millimeter-Maschinenkanone M242 Bushmaster, die zwischen 100 und 200 Schuss pro Minute verschießen kann. Zudem sind die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die nach General Omar N. Bardley benannt sind, mit Maschinengewehren des Typs M240 sowie panzerbrechende Raketen ausgestattet. Die Besatzung umfasst bis zu zehn Soldaten: Fahrer, Kommandant, Richtschütze sowie bis zu sieben Soldaten als Infanterietrupp. Der Panzer wurde dafür konzipiert, im Verbund mit Panzerartillerie und Kampfhelikoptern zu operieren.
Beim AMX-10 RC aus Frankreich handelt es sich um einen amphibischen Spähpanzer. Der Panzer wird aufgrund seiner schwereren Panzerung und Bewaffnung hauptsächlich bei der Aufklärung eingesetzt. Ausgestattet ist er mit einer 105-Millimeter-Kanone, wodurch er auch als Panzerjäger verwendet werden kann. Die Besatzung besteht aus mindestens vier Soldaten. Bei einer Gefechtsmasse von 14,2 Tonnen ist der Panzer mit 85 km/h extrem mobil.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Sicherheitsexperte fordert gemeinsame Nato-Ukraine-Luftabwehr

Die an der NATO-Ostflanke stationierten bodengebundenen Luftverteidigungssysteme und Kampfflugzeuge sollten dann russische Marschflugkörper und Raketen über der angrenzenden Westukraine abschießen: „Das Ergebnis wäre das Gleiche, als wenn die Ukrainer diese Marschflugkörper und Raketen selbst abschießen, zum Beispiel mit aus Deutschland gelieferten Patriot.“

Würde die NATO etwa 70 bis 90 Kilometer in den ukrainischen Luftraum hinein russische Drohnen und Raketen abschießen, hätte die Ukraine die Möglichkeit, ihre Kapazitäten an anderer Stelle zu nutzen – ihre dort stationierten Systeme anderswo zu positionieren, argumentiert Lange: „Insgesamt könnte man so viel mehr Gebiet und viel mehr Menschen schützen.“

Polen bei Russlands Luftangriff auf die Ukraine in Alarmbereitschaft – Kampfjets steigen auf

NATO-Staaten wie Polen sind aufgrund der russischen Angriffe im Ukraine-Krieg ohnehin in Alarmbereitschaft: Auch am vergangenen Wochenende waren zeitweise Kampfflugzeuge aufgestiegen; bodengestützte Luftabwehr- und Radaraufklärungssysteme wurden aktiviert. Jedoch nicht, um die Ukraine bei der Verteidigung zu unterstützen, sondern, für den Fall einer Verletzung des polnischen Luftraums. Die Lage in der Ukraine werde ständig überwacht, um die Sicherheit des polnischen Luftraums zu verteidigen, teilte das polnische Militär laut Bericht der Deutschen Presse-Agentur (dpa) mit.

In der Nacht hätten auch F-35-Kampfflugzeuge der niederländischen Luftwaffe dazu beigetragen, den Schutz Polens zu gewährleisten. Vor wenigen Wochen war es ebenfalls ein niederländischer F-35-Kampfjet, der bei einem Drohnenvorfall über Polen eine russische Drohne abgeschossen hatte. Es ist bereits seit vielen Monaten Routine, dass Polen während Luftangriffen auf die Westukraine vorsorglich Kampfjets aufsteigen lässt.

Militärexperte Nico Lange: „Entscheider sollten sich von Russlands Rhetorik keine Angst machen lassen“

Polen sei neben Rumänien eines der Länder, die den möglichen Abschuss russischer Drohnen und Raketen über der Westukraine immer wieder aufgreifen, erklärt Lange. „Allerdings gibt es bei anderen NATO-Staaten, auch in Deutschland, dazu immer wieder Zurückhaltung.“ Der Sicherheitsexperte fordert daher: „Die Entscheider sollten sich von Russlands Rhetorik keine Angst machen lassen und die europäischen Werte, von denen sie oft sprechen, endlich in die Tat umsetzen.“

Die russische Führung um Kreml-Chef Wladimir Putin dürfte auch auf eine solche Überlegung wie so oft mit Drohungen gegen den Westen reagieren: Taten würden jedoch nicht folgen, glaubt der Militärexperte: „Völkerrechtlich wäre so ein Abschuss legitim, humanitär ist er geboten und ein Eskalationsrisiko besteht nur in der russischen Rhetorik.“ Lange argumentiert zudem: „Wir sollten im Übrigen keine Angst vor Putin haben, sondern Putin sollte Angst davor haben, sich mit uns anzulegen.“ Dies sei der einzige Weg, den russischen Machthaber zu einem Waffenstillstand und zu Frieden in der Ukraine zu drängen: „Durch Zögern und Zaudern ermutigen wir Putin nur.“ (Quellen dpa, AFP, eigene Recherche) (pav)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Björn Trotzki

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