Ölindustrie im Visier
Vergeltung für Kiew-Angriff: Ukraine trifft wichtige Öl-Raffinerien – Russlands Wirtschaft unter Dauerbeschuss
Die Ukraine fliegt einen massiven Drohnenangriff über mehrere Regionen hinweg. Der Schlag passt in eine breitere Kampagne gegen Russlands Wirtschaft.
Die Ukraine hat in der Nacht auf den 15. Mai einen der bisher größten Drohnenangriffe auf russisches Territorium geflogen – und dabei erneut gezielt Russlands Wirtschaft ins Visier genommen. Besonders schwer traf es die Ölraffinerie in der Stadt Rjasan. Der Großangriff im Ukraine-Krieg folgte auf eine Serie eskalierender ukrainischer Schläge gegen Russlands Ölindustrie, die Moskaus Kriegskasse empfindlich treffen soll.
Rjasan liegt rund 180 Kilometer südöstlich von Moskau. Bei dem getroffenen Objekt handelt es sich um die nach Branchenangaben drittgrößte Ölraffinerie Russlands, die jährlich über 17,1 Millionen Tonnen Öl verarbeitet. Sie ist damit ein zentraler Baustein der russischen Energiewirtschaft und ein strategisches Ziel im ukrainischen Angriffsprogramm gegen Moskaus Kriegsfinanzierung.
Angriff auf Raffinerie in Rjasan: Ukraine nimmt Russlands Wirtschaft ins Visier
Rjasans Gouverneur Pawel Malkow bestätigte, dass Drohnentrümmer ein Industriegebäude sowie mehrere Wohngebäude beschädigt hätten. Nach russischen Behördenangaben kamen dabei mindestens drei Menschen ums Leben, zwölf wurden verletzt. Das meldete die staatliche russische Nachrichtenagentur TASS.
Der Angriff auf Rjasan war laut ukrainischen Medienangaben eingebettet in eine großangelegte ukrainische Drohnenoffensive, die in derselben Nacht zahlreiche russische Regionen gleichzeitig erfasste. Das russische Verteidigungsministerium behauptete, 355 ukrainische Drohnen abgeschossen zu haben. Diese Angabe ist unabhängig nicht überprüfbar. Übereinstimmend berichteten der Kyiv Independent und die Ukrainska Pravda von folgenden Attacken:
- Brjansk: Explosionen gemeldet.
- Taganrog und Jejsk (Krasnodar Krai): Rauch über einem Militärflugplatz – dort ist das 859. Zentrum für Marineluftfahrt-Ausbildung stationiert.
- Krim: Explosionen in Jewpatoria und Saky.
- Moskau: Fünf Drohnen abgefangen; Flughafen Wnukowo mit Betriebseinschränkungen, Domodedowo und Scheremetjewo mit vorübergehenden Bodenstopps.
- Nischni Nowgorod, Jaroslawl, Tambow: Flughäfen zeitweise geschlossen.
Der massive Drohneneinsatz kam nicht ohne Vorgeschichte: Nur einen Tag zuvor hatte Russland einen der schwersten Luftangriffe seit Kriegsbeginn auf die Ukraine geflogen. Allein in Kiew wurden bis Freitagmorgen 24 Tote aus einem zerstörten Wohnblock geborgen, wie der Katastrophenschutz mitteilte. Darunter befanden sich auch drei Kinder. Die Hauptstadt rief einen Trauertag aus. Präsident Wolodymyr Selenskyj reagierte unmissverständlich: Er beauftragte sein Militär, eine Vergeltung für den Angriff zu planen.
Ukraine verstärkt Dauerfeuer auf Russlands Wirtschaft
Der Angriff auf Rjasan ist kein Einzelfall – er ist Teil einer systematischen ukrainischen Strategie. Die Ukraine verfolgt dabei laut Analyse zwei zentrale Ziele: die Treibstoffversorgung der russischen Armee zu erschweren und dem Kreml die Einnahmen zur Kriegsfinanzierung zu entziehen.
Laut Bloomberg erreichten Kiews Angriffe auf russische Ölinfrastruktur im April 2026 mit mindestens 21 Attacken auf Raffinerien, Pipelines und Ölanlagen auf See ein Vier-Monats-Hoch. Die Schläge reduzierten Russlands durchschnittliche Raffineriekapazität auf 4,69 Millionen Barrel pro Tag – den niedrigsten Stand seit Dezember 2009. Reuters berichtete, dass ukrainische Drohnenangriffe, Pipelineschäden und Tankerbeschlagnahmungen zusammen rund 40 Prozent von Russlands Ölexportkapazität lahmgelegt hätten – die schlimmste Störung der Ölversorgung in der modernen russischen Geschichte.
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Tuapse und Ust-Luga: Zwei weitere Schauplätze im ukrainischen Krieg gegen Russlands Wirtschaft
Besonders exemplarisch für die ukrainische Strategie ist der Fall der Raffinerie im südrussischen Tuapse: Sie wurde in nur zwei Wochen viermal getroffen – zuletzt in der Nacht auf den 1. Mai. Die Anlage gehört dem staatlichen Ölkonzern Rosneft, ist die einzige bedeutende Raffinerie an der russischen Schwarzmeerküste und verarbeitet rund zwölf Millionen Tonnen Öl pro Jahr.
Beim zweiten Angriff am 20. April wurden laut ukrainischem Generalstab 24 Lagertanks zerstört, vier weitere beschädigt. Als Russlands Katastrophenschutzbehörde am 29. April verkündete, die Brände seien vollständig gelöscht, stand die Anlage einen Tag später erneut in Flammen. Seitdem liegt der Betrieb vollständig still; Verschiffungen sind nicht mehr möglich.
Im Norden hat die Ukraine ihre Angriffe auf die Ölterminals in den Ostseehäfen Ust-Luga und Primorsk intensiviert. Primorsk verschifft rund 60 Millionen Tonnen Öl jährlich und gilt als Russlands wichtigster Ölexporthafen an der Ostsee. Der russische Gouverneur der Region Leningrad, Alexander Drozdenko, beschrieb die Lage gegenüber dem Ex-Präsidenten Dmitri Medwedew mit den Worten: „Leningrad Oblast ist jetzt nicht nur eine Grenzregion, sondern auch eine Frontregion.“
Russlands Wirtschaft: Im Zangengriff von Krieg und Sanktionen
Die Drohnenangriffe treffen Russlands Wirtschaft in einem bereits geschwächten Zustand. Putin musste auf einer Regierungssitzung einräumen, dass das Bruttoinlandsprodukt in den ersten zwei Monaten 2026 um 1,8 Prozent zurückgegangen sei. Hinzu kommt ein Rekorddefizit im ersten Quartal 2026 von rund 50 Milliarden Euro – 21 Prozent höher als für das gesamte Jahr geplant.
Öl- und Gaseinnahmen fielen 2025 um rund 24 Prozent auf den niedrigsten Stand seit 2020; die fossilen Exporterlöse lagen bis Februar 2026 rund 27 Prozent unter dem Vorkriegsniveau. Der Ökonom Dmitri Nekrassow beschrieb gegenüber dem Portal Meduza, dass die Front „wie ein Staubsauger“ Arbeitskräfte aus dem Wirtschaftskreislauf abziehe. (Quellen: Ukrainska Pravda, Kyiv Independent, dpa, Bloomberg, Reuters, Meduza) (cs)
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