Neuer Wehrdienst
2.200 Euro netto als Köder: Warum Deutschlands neue Bundeswehr-Soldaten mehr erhalten als viele Azubis
Bundeswehr wirbt mit 2.200 € Einstiegsgehalt – während die Wehrpflicht noch aussteht, entwickelt sich bereits eine Debatte über Anreize und Dienstverpflichtung.
Berlin – Die Bundeswehr wirbt mit einem deutlichen Gehaltsvorteil um Nachwuchs: 2200 Euro brutto soll der Einstiegslohn betragen, berichtet die Tagesschau. Zum Vergleich: Auszubildende verdienten im April 2024 laut Statistischem Bundesamt im Schnitt 1238 Euro – rund 44 Prozent weniger. Warum der Unterschied so groß ist, erklärt Verteidigungsminister Boris Pistorius.
Pistorius überzeugt: Mehr Soldaten durch höheren Sold
Das neue Wehrdienstmodell der schwarz-roten Koalition zielt klar auf die Gewinnung von Nachwuchs. Verteidigungsminister Boris Pistorius betonte laut der Tagesschau: „Mit einem attraktiven Sold, mit einem attraktiven Wehrdienst wird es uns, davon bin ich sehr überzeugt, gelingen, junge Männer und Frauen für die Bundeswehr zu gewinnen.“
Nach Berechnungen von Enzo Weber, Leiter des Forschungsbereichs „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“ am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), entspricht das Monatsgehalt von 2200 Euro brutto in etwa einem regulären Bruttolohn von 2900 Euro. „Bei 41 Stunden pro Woche ergibt das einen Stundenlohn von 16,45 Euro, also mehr als der künftige Mindestlohn“, so Weber gegenüber dem ARD-faktenfinder. Allerdings wies er darauf hin, dass in wirtschaftsstärkeren Regionen die Einstiegsgehälter einfacher Tätigkeiten schon heute mehrere Euro pro Stunde über dem Mindestlohn liegen. Finanziell sei der Sold dennoch insgesamt konkurrenzfähig.
Darüber hinaus genießen Wehrdienstleistende zahlreiche Zusatzleistungen: kostenlose truppenärztliche Versorgung, freie Unterkunft in Gemeinschaftsunterkünften, kostenfreie Bahnfahrten zwischen Wohn- und Standort in Uniform. Für den Pkw-Führerschein ist ein Zuschuss von bis zu 3500 Euro vorgesehen. Zudem werden ehemalige Soldaten nach ihrer Dienstzeit regulär in der gesetzlichen Rentenversicherung nachversichert.
Vom Schützen bis zum General: Das sind die Dienstgrade der Bundeswehr




Linke mit Kritik: „Gute Bildung & echte Chancen“ statt Lockangebote
Kritik kommt vor allem von der Linkspartei. Auf X schreibt sie: „Während junge Menschen kaum noch eine bezahlbare Wohnung finden, lockt die Bundeswehr mit kostenlosem Wohnraum & Führerschein.“ Die Partei betont, soziale Notlagen dürften nicht als Türöffner für den Militärdienst missbraucht werden. Stattdessen brauche die junge Generation „gute Bildung & echte Chancen“ – nicht die Lockangebote der Truppe.
Anders bewertet Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU) die Pläne. Der Deutschen Presse-Agentur erklärte er, das bundesweite Wehrdienstgesetz sei ein entscheidender Schritt, um die Verteidigungsfähigkeit zu stärken. „Es bleibt aber abzuwarten, ob sich genügend Freiwillige melden. Deshalb muss es auch darum gehen, den Wehrdienst attraktiver zu gestalten“, so Poseck. Die Bundeswehr sei ein Garant für die nationale Sicherheit, was sich auch in einer starken personellen und materiellen Ausstattung widerspiegeln müsse.
Sollte das Konzept der reinen Freiwilligkeit scheitern, dürfte sich die Ablehnung der Linken noch verschärfen. Jan van Aken, Co-Vorsitzender der Partei, hatte schon im Juni gewarnt, dass eine verpflichtende Wehrpflicht junge Menschen besonders hart treffen würde. Er forderte deshalb eine vorgelagerte Volksbefragung unter den 16- bis 25-Jährigen zur grundsätzlichen Frage von Zwangsdiensten.
Wehrdienstreform: Fragebogen für junge Männer und Frauen
Mit der Reform will die Regierung mehr junge Menschen für den Dienst in der Bundeswehr gewinnen. Ab dem kommenden Jahr erhalten alle jungen Männer und Frauen einen Fragebogen. Für Männer besteht eine Pflicht zur Beantwortung, Frauen können freiwillig teilnehmen. Ab 2028 sollen alle 18-jährigen Männer zudem verpflichtend zur Musterung antreten – unabhängig davon, ob sie sich für einen freiwilligen Wehrdienst entschieden haben oder nicht.
Nach Angaben des Verteidigungsministeriums soll so ein umfassendes „Lagebild“ über die gesundheitliche Tauglichkeit junger Männer im wehrfähigen Alter entstehen. Hintergrund ist, dass im Falle eines Spannungs- oder Verteidigungsfalls die 2011 ausgesetzte Wehrpflicht nach geltendem Recht automatisch wieder greifen würde. Dann könnten alle Männer zwischen 18 und 60 Jahren eingezogen werden – außer sie haben zuvor einen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung gestellt.
Durch das Wehrdienst-Gesetz sollen die Vorgaben der Nato für den Konfliktfall erfüllt werden. Diese sehen einen Bedarf von etwa 460.000 deutschen Soldatinnen und Soldaten vor. (kox)
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