Hunderte Arbeitsplätze betroffen

„Katastrophen-Tag für NRW“: Brauereien vor dem Aus – eine soll schließen, die andere verkauft werden

Knapp 220 Brauerei-Beschäftigte in Herford und Paderborn bangen um ihre Jobs. Die Gewerkschaft NGG wirft der Haus-Cramer-Gruppe derweil Vertragsbruch vor.

Ein gewaltiger Paukenschlag in der Bierbranche! Knapp 220 Arbeitsplätze stehen in Nordrhein-Westfalen auf dem Spiel. Die Herforder Brauerei soll Ende August geschlossen werden. Die Paderborner Brauerei soll noch in diesem Jahr verkauft werden. Das hat die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) am Donnerstag, 7. Mai, mitgeteilt. Beide Brauereien gehören zur Haus-Cramer-Gruppe, zu der auch die Warsteiner Brauerei gehört. Die Nachricht trifft die Belegschaften hart. In Herford sind knapp 100 Stellen betroffen. In Paderborn sind es 120 Arbeitsplätze.

Frisch gezapftes Herforder-Bier könnte es schon bald nicht mehr geben.

Mohamed Boudih, NRW-Landeschef der NGG, reagierte mit scharfer Kritik. „Heute ist ein Katastrophen-Tag für das Bier-Land Nordrhein-Westfalen. Ein schwarzer Tag fürs Bier. Ein Horror-Tag für die Brauerei-Städte Herford und Paderborn. Und vor allem ein Schock-Tag für alle, die in Herford und Paderborn vom und für das Bierbrauen leben“, sagte Boudih. Die Beschäftigten hätten die Nachricht bei Mitarbeiterversammlungen am Donnerstagmittag erhalten. Boudih sprach von einer „Hiobsbotschaft“ der Geschäftsführung

In einer Pressemitteilung, die am frühen Nachmittag des Donnerstags verschickt wurde, bezeichnet die Haus Cramer Gruppe die Einschnitte an ihren Standorten in Herford und Paderborn als „strategische Konsolidierung als Antwort auf strukturellen Marktwandel“. Hintergrund sei „die anhaltend dramatische Entwicklung des deutschen Biermarktes“ – darauf reagiere man, indem man „aktiv Kapazitäten vom Markt“ nehme. Zu diesem Schritt habe man sich nach „intensiver Prüfung aller wirtschaftlichen Optionen“ entschlossen. Der Standort Herford soll demnach im zweiten Halbjahr 2026 schließen. Für Paderborn wird ein Käufer gesucht – scheitert die Suche, endet auch dort der Betrieb Ende 2026.

Vorwurf des Vertragsbruchs gegen Haus-Cramer-Gruppe – Gewerkschaft kündigt Widerstand an

Mit den Schließungen verfolge das Unternehmen zugleich „eine klare Zukunftsvision“: „Warstein soll in den kommenden Jahren kontinuierlich zum zentralen Produktions- und Logistikzentrum der Getränkegruppe in NRW entwickelt werden. Geplant sind Investitionen in Produktionstechnologie sowie die Optimierung nachhaltiger Produktionsprozesse.“ Teil des Plans sei außerdem eine intensivere Nutzung des Bahnanschlusses der Brauerei. Einen Teil der Belegschaft aus Herford und Paderborn wolle man nach Warstein übernehmen. „Gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretern sollen für alle Betroffenen sozialverträgliche Lösungen und Unterstützungsangebote erarbeitet werden“, heißt es in der Mitteilung. Ausdrücklich betont die Haus-Cramer-Gruppe: „Die Südstandorte in Bayern bleiben von den Maßnahmen unberührt.“

Die NGG erhebt schwere Vorwürfe gegen die Haus-Cramer-Gruppe. Zur Gruppe gehört auch die Warsteiner Brauerei. Laut NGG gab es einen Zukunftssicherungsvertrag. Dieser sah eine Standortsicherung für Herford und Paderborn bis Ende 2028 vor. Die Beschäftigten hätten dafür bereits ab Mitte 2021 auf Tariferhöhungen verzichtet. Auch auf Urlaubsgeld und Teile des Weihnachtsgeldes hätten sie verzichtet. „Im Gegenzug galt das Versprechen der Haus-Cramer-Gruppe, die Brauereien weiter zu betreiben. Das Wort hat die Geschäftsleitung jetzt gebrochen“, sagte Boudih.

Tierfer Schock: „Knapp 100 Menschen erfahren, dass sie in gut drei Monaten keinen Job mehr haben“

Besonders das Tempo der Entscheidung sorgt für Empörung. „In Herford haben heute knapp 100 Menschen erfahren, dass sie in gut drei Monaten keinen Job mehr haben. So geht man nicht mit Beschäftigten um, die seit Jahren oder sogar Jahrzehnten treu, mit Fleiß und hoher Verbundenheit für die Brauerei gearbeitet haben“, so Boudih. Bei der Belegschaft mische sich „Fassungslosigkeit mit Frust“.

Die NGG kündigt Konsequenzen an. Es werde „keine stille Brauerei-Beerdigung in Ostwestfalen“ geben, sagte Boudih. Die NGG Nordrhein-Westfalen werde gemeinsam mit den Betriebsräten die Haus-Cramer-Gruppe zur Verantwortung ziehen. Auch der Betriebsrat der Warsteiner Brauerei soll dabei sein.

Im Mittelpunkt der kommenden Wochen stehe die Forderung nach einem Sozialplan. „Gerade als Familienunternehmen sollte die Haus-Cramer-Gruppe den Anstand haben und es als ihre Pflicht verstehen, die Beschäftigten jetzt sozial aufzufangen“, sagte Boudih. Die Gewerkschaft fordert damit eine geregelte Absicherung für alle betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Herford und Paderborn.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Zoonar.com/Jelena Cvetkovic

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